35 Millimeter

35 Millimeter

Das Retro Film Magazin

FILM NOIR – Die Kehrseite der schwarzen Serie

19. Juli 2014 | Comment

Wie der Film noir das Fernsehen eroberte

Zur Ergänzung unserer Titelstory in #2 der Printausgabe von 35 Millimeter wollen wir das Thema FILM NOIR noch von einer anderen Seite beleuchten. Der Film noir prägte die 40er- und 50er-Jahre des US­-amerikanischen Genre-Kinos in verschiedenen Arten und Weisen. Gern wird er hauptsächlich auf expressionistische Einflüsse und, damit verbunden, das Wirken einiger deutscher Exil-Regisseure, wie Fritz Lang oder Robert Siodmak, reduziert, selbst wenn diese, wie Siodmak, während ihrer Zeit in Deutschland gar keine ausgewiesenen expressionistisch geprägten Regisseure waren. Gleichwohl brachte der Film noir aber auch Produktionen hervor, die, wenn überhaupt, eher etwas mit der „Neuen Sachlichkeit“ des deutschen Kinos der 20er-Jahre zu tun haben als mit dem damals vorherrschenden Expressionismus, sofern man den Vergleich mit dem deutschen Stummfilm schon bemühen möchte.

The Naked City

The Naked City

 

The Naked City

The Naked City

Werke wie THE NAKED CITY (1948) von Jules Dassin, der praktisch komplett on location gedreht wurde, stellen eine deutliche Gegenbewegung zu den populär gewordenen Licht-und-Schatten-Spielen des Noir, aber innerhalb ein und desselben Genres, dar. Hier geht es um Authentizität und nicht um expressive Künstlichkeit. Nach wie vor ist die Großstadt Handlungsort, wie auch in vielen anderen Noirs, jedoch wird sie möglichst in Bildern gezeigt, wie man sie auch aus dem Alltag kannte.

Jules Dassin blieb ein Vorreiter dieser Inszenierungsweise, aber auch andere Regisseure bewegten sich in seinem Fahrwasser, wie etwa André De Toth mit CRIME WAVE oder Joseph Losey mit dem Remake von Fritz Langs M, das weitaus weniger theaterhaft als das großartige Original inszeniert ist.

Crime Wave

Crime Wave

Schon in den 40er-Jahren war der Film noir mehr als Überzeichnung und Kontrastierung. Die staubtrockene Nüchternheit der Darstellung von Kriminalität und Brutalität war von Anfang an immer wieder Bestandteil des Genres. Die Allgegenwart von Käuflichkeit und Gewalt, die auch schon die Gangsterfilme der 30er-Jahre um Edward G. Robinson oder James Cagney geprägt hatte, blieb erhalten. Der künstlerische Aspekt, expressionistische Techniken zur Gestaltung zu nutzen, war dabei nur ein Mittel unter mehreren im Film noir, der Trostlosigkeit des Lebens in einer korrumpierten Gesellschaft Ausdruck zu verleihen.

Spätestens gegen Ende der 40er-Jahre machte die berühmte Radio-Serie DRAGNET von und mit Jack Webb die nüchterne Darstellung polizeilicher Ermittlungsarbeit, mit einem starken Bemühen um Realitätsnähe, salonfähig. Webb soll pedantisch darauf bedacht gewesen sein, wahre Geschichten so detailreich wie möglich für seine Serie aufzuarbeiten. Und ihm gelang damit ein so großer Erfolg, dass man sie schon 1951 in eine Fernsehserie mit jeweils halbstündigen Episoden überführte, die das gesamte Jahrzehnt prägen sollte, wobei Jack Webb als Joe Friday weiterhin Hauptdarsteller blieb und auch die Geschichten weiterhin der Realität entnommen wurden. 1954 wurde aus der Serie schließlich gar ein in Farbe gedrehter Kinofilm, was DRAGNET zu einem der ersten TV-Projekte machte, welches auch das Kino erobern konnte. Die in Deutschland später als POLIZEIBERICHT bekannt gewordene Serie, die Jürgen Rolands STAHLNETZ als Vorbild diente, lief fast die kompletten 50er-Jahre mit weit über 200 Episoden im US-Fernsehen, gewann fünf Primetime-Emmys und wurde Ende der 60er-Jahre noch einmal mit Jack Webb aufgewärmt. Nach Webbs Tod, der noch eine dritte Auflage für das Fernsehen hatte produzieren wollen, aber zuvor verstarb, folgten weitere Variationen Ende der 80er-Jahre und kurz nach der Jahrtausendwende, wobei die 2002 bis 2003 von LAW & ORDERSchöpfer Dick Wolf realisierte Version mit Ed O’Neill in der Hauptrolle schauspielerisch auf hohem Niveau glänzte und nach nur 22 Episoden ein viel zu frühes Ende erfuhr. Wahre Geschichten gab es nach Jack Webbs Ableben allerdings nicht mehr zu bestaunen.

Dragnet

Dragnet

 

The Lineup

The Lineup

Fast gleichsam erfolgreich war auch die Serie THE LINEUP, die 1958 einen Kinofilm unter der Regie von DIRTY HARRY-Macher Don Siegel hervorbrachte, ehe 1960 nach sechs Jahren die letzte Episode im Fernsehen lief. Auch hier durfte im Film derselbe Ermittler wie im Fernsehen den Fall lösen – dargestellt von Warner Anderson. Jener bekam allerdings, im Gegensatz zum DRAGNET-Film, einen anderen Partner zur Seite gestellt, als man ihn aus dem TV kannte. Die Ähnlichkeit zwischen Tom Tully und seinem Kino-Pendant Emile Meyer ist dabei jedoch nicht zu verkennen und dürfte kaum Zufall gewesen sein.

Dem eingangs erwähnten Film-noir-Klassiker NAKED CITY folgte 1958, erst zehn Jahre nach dem Film, eine TV-Serie, da das Genre auch Ende der 50er noch ausgesprochen erfolgreich im Fernsehen war und es sich bezahlt machte, bekannte Namen sowie auch Filmtitel wiederzuverwenden. Ab Staffel zwei wurde die Episodenlänge hier sogar verdoppelt, ehe nach vier Staffeln und vier Primetime-Emmys Schluss war. Auch der Film ASPHALT JUNGLE von John Huston wurde, ebenfalls nach rund zehn Jahren, in eine, wenn auch kurzlebige, TV-Serie mit Jack Warden überführt.

The Asphalt Jungle

The Asphalt Jungle

 

Ferner wurden einige bekannte Figuren aus früheren Kino-Reihen der schwarzen Serie oder der verwandten Literatur in eine eigene TV-Serie gesteckt. So stellte Phil Carey 1959/60 für eine Staffel Philip Marlowe dar, Darren McGavin wurde der neue Mike Hammer im Zuge von Robert Aldrichs RATTENNEST (1955), Richard Denning wurde der neue Michael Shayne, Louis Hayward der neue Michael Lanyard, Raymond Burr der neue Perry Mason und J. Carrol Naish der neue Charlie Chan. Wobei letztere Serie auch insofern für ein Novum sorgte, als dass sie nach fünf in den USA produzierten Episoden vom britischen Fernsehen mit denselben Hauptdarstellern weiterproduziert und eine Staffel mit 39 Folgen komplettiert wurde.

Und dies sind nur einige der prägnantesten Beispiele, denn Film noir und Crime – wo auch immer man hier eine Trennlinie in der Definition zwischen den beiden ziehen möchte – prägten das US-Fernsehen der 50er-Jahre und frühen 60er-Jahre maßgeblich, schon bevor das Fernsehen dem Kino schließlich mehr und mehr den Rang ablief. Film und Fernsehen bewegten sich zunehmend auf Augenhöhe, gerade im Bereich Crime sowie auch im Western, wo einige frühere, schon aus dem Genre bekannte Kinostars, wie George Montgomery, Dale Robertson, John Payne oder Rory Calhoun, in den 50er-Jahren ihre eigenen Western-TV-Serien erhielten.

The Detectives

The Detectives

Das Fernsehen zeigte die breiten Möglichkeiten des Film noirs mit zunehmender Wirkungskraft, da es die Zuschauer mehr denn je mit Einflüssen des Film noirs konfrontierte, dabei aber keine großartigen neuen Beiträge zum filmischen Expressionismus leisten konnte und wollte. Man nutzte daher, was der Film noir noch zu sein vermochte: eine um Glaubwürdigkeit bemühte und in der Direktheit schonungslose Abrechnung mit den Straßen und Gassen da draußen vor der Haustür und den zwielichtigen Gestalten, die in der Wohnung nebenan ihr Unwesen treiben. Die Straßen von San Francisco, aber auch von New York, Los Angeles oder New Orleans, wurden Gegenstand verschiedener Serien. Eine Untersuchung, welche Städte ihre eigenen Ermittler in einer US-TV-Serie der 50er-Jahre bekamen, könnte durchaus spannend sein, da es doch so einige gewesen sind. Die Anonymität der Stadt, in der sich das Verbrechen im Film noir gut verstecken kann, wird dabei gewissermaßen gekrönt von THE DETECTIVES mit Robert Taylor, der als einer der ersten großen Hollywood-Stars die Möglichkeiten des Fernsehens für sich entdeckte und in einer Stadt ermittelte, die in rund 100 Episoden niemals einen Namen erhielt.

Ansgar Skulme

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *