35 Millimeter

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Das Retro Film Magazin

35 mm – vor Ort / on Set

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16. Nippon Connection dieses Jahr mit Geistergeschichten in der Retrospektive

Zum bereits 16. Mal wird dieses Jahr in Frankfurt am Main vom 24. bis 29. Mai das Nippon Connection Filmfestival zu Ehren des japanischen Kinos stattfinden.

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Neben einem breit gefächerten und bunten Programm mit u.a. Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilmen aus der aktuellen japanischen Kinolandschaft wird auch dieses Jahr wieder dem vergangenen japanischen Kino in einer Sektion gehuldigt.

NC16_Postkarte_de_grossDie Nippon Retro möchte dieses Jahr darauf aufmerksam machen, dass nicht erst mit RING – DAS OIGINAL (Ringu – 1998) oder JUON:THE CURSE (Juon – 2000) Geister Einzug in die japanische Kinematographie fanden. Vom 27. bis 29. Mai werden im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt unter dem Titel „Ghosts & Demons – Scary Tales from Japan“ neun Horror- und Geisterfilme aus den 1940er bis 1960er Jahren zu sehen sein. Bisher angekündigt wurden u.a. für die Reihe Keisuke Kinoshitas THE YOTSUYA GHOST STORY (Shinshaku Yotsuya kaidan: kôhen – 1949), Nobuo Nakagawas THE MANSION OF THE GHOST CAT (Bôrei kaibyô yashiki – 1958) und Satsuo Yamamotos THE BRIDE FROM HADES (Botan-dôrô – 1968). Ergänzt werden die Sichtungen von dem Vortrag „Female Ghost in Japanese Cinema“ von der Japanologin Dr. Elisabeth Scherer. Die Retrospektive wird in Kooperation mit dem Japanischen Kulturinstitut (The Japan Foundation) stattfinden.

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THE MANSION OF THE GHOST CAT

Das komplette Programm wird ab Ende April auf der Homepage des Festivals einsehbar sein. Ab dann kann man auch Karten für die Veranstaltungen erwerben.

Wir werden vor Ort für Sie von diesen drei interessanten und spannenden Festivaltagen berichten.

Manuel Föhl

 

Quelle: http://www.nipponconnection.com/pm-festivalprogramm2016-160412.html

FESTIVALREPORT: 57. Nordischen Filmtage Lübeck

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Als Ende des 19. Jahrhunderts der Film geboren wurde, hatte die altehrwürdige Hafenstadt Lübeck ihre internationale Bedeutung als Handelsknoten bereits lange verloren. Einstmals eine der dominierenden Hansestädte, steht der Name Lübeck heute in erster Linie für Marzipan. Nichtsdestotrotz hat sich in diesem schmucken Städtchen schon vor Jahrzehnten eines der ältesten Filmfestivals Deutschlands niedergelassen. 2015 feiern die Nordischen Filmtage Lübeck ihren 57. Geburtstag, das heißt die Formierungsjahre des Festivals fallen sogar noch in den Zeitraum bis 1965, den wir bei 35 Millimeter behandeln.

Neben den Highlights der aktuellen Jahresproduktion aus dem nordischen Raum (Lübeck ist das einzige Festival Europas mit diesem Schwerpunkt) werden jedes Jahr auch historische Filme im Rahmen einer Retrospektive gezeigt. Seit nunmehr sieben Jahren kümmert sich Jörg Schöning um diese Programme. Bisher wurden dabei abwechselnd filmische Erforschungen von nordischen Landschaften (Grönland, Lappland, Spitzbergen) und bestimmten Genreformationen unternommen. Dieses Jahr ist daraus eine Synthese der beiden Elemente entstanden. Sah das ursprüngliche Konzept noch ein Programm aus Travelogues über Reisen in den europäischen Norden vor, wurde es schließlich durch Roadmovies erweitert, die in gewisser Weise die Motive dieser früheren Reisefilme aufgreifen und transformieren.

Die Retrospektive lässt sich also sowohl zeitlich wie auch thematisch bequem in zwei Hälften teilen, richtig spannend wird es allerdings erst wenn man Bezüge zwischen ihnen herstellt. Aber welche Bezüge lassen sich überhaupt ziehen zwischen so unterschiedlichen Werken, wie den rohen Filmaufnahmen Richard Fleischhuts, der auf Kreuzfahrtschiffen als Bordfotograf arbeitete und einem exzentrischen Autorenfilm wie Aki Kaurismäkis Tatjana (1994 – Pidä huivista kiinni, Tatjana), zwischen einem touristischen Werbefilm der Stummfilmzeit wie Norwegen, unser Norwegen (1929 – Norge, vårt Norge) und einem aktuellen Roadmovie eines deutschen Twens wie Hit the Road Gunnar (2014). Die Antwort: Mehr als man glauben sollte. Die Faszination für die Landschaften des Nordens ist in allen diesen Filmen evident. Deshalb beschränken sie sich nicht nur darauf sie als Handlungsort zu nutzen, sondern machen sie selbst zu einem bestimmten Element des Films. Natürlich kommt das in einem Film wie Friðrik Þór Friðrikssons The Ring Road (1985 – Hringurinn) stärker zur Geltung als in einem Thriller von Mika Kaurismäki, und doch ist die motorisierte Fortbewegung (egal ob per Schiff, per Bahn oder per Automobil) durch den Norden ein solch starkes Motiv, dass es imstande ist selbst eine so heterogene Masse an Filmen zu verbinden. Die hypnotischen Aufnahmen der wogenden Wellen in den Filmen Richard Fleischhuts korrespondieren mit den desorientierenden Zeitrafferaufnahmen in grün, blau und braun von The Ring Road und den Zugfahrten in düsterem Halblicht in Peter Lichtefelds Zugvögel … Einmal nach Inari (1997). Die Nordischen Filmtage 2015 präsentieren vor allem ein Programm, das mehr zum Beobachten und Begutachten einlädt als zum Mitfiebern, mit Filmen die stärker der filmischen Tradition des Zeigens verpflichtet sind, als dem klassischen Erzählmodus des fiktionalen Filmschaffens.

Rainer Kienböck

FESTIVALREPORT: Il Cinema Ritrovato – Das italienische Filmfestival für den klassischen Film in Bologna – Tag 3

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Wie immer, wenn es um Film geht, überwiegt auch in Bologna der abendfüllende Spielfilm. Doch abseits der McCareys und Bergmans bietet das „Il Cinema Ritrovato 2015“ auch die Gelegenheit, ganz andere Formen von Film zu entdecken. Aufnahmen aus der Geburtsstunde des Kinos, frühe Aktualitätenfilme, Kriegsberichterstattung aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ebenso wie frühe Trickfilme, abgefilmte Vaudeville-Nummern und zahllose kurze Slapstick-Komödien.

Aus der Masse der dokumentarischen Arbeiten sticht vor allem ein Film heraus: German Concentration Camps Actual Survey (1945/2014) wurde vom Imperial War Museum restauriert und vollendet, denn bis dato war der Film nicht in seiner vollständigen Form verfügbar. Er war ursprünglich von den Alliierten als Beweismaterial für die Nürnberger Prozesse konzipiert, aber entpuppt sich als eindrucksvolles Zeugnis für die Macht des kinematografischen Bildes. Grauenvolle Aufnahmen von alliierten Kameramännern bei der Befreiung der Lager und eine kluge Montage ergeben ein mächtiges, emotional mitreißendes Werk, das selbst ohne unmittelbare Kontextualisierung durch seine pure visuelle Energie zum Nachdenken anregt.

Dass Geschichte auch anders filmisch aufgearbeitet werden kann, beweist Sosialismi (2014) von Peter von Bagh. Der Finne von Bagh, der vergangenen Herbst verstorben ist, war lange Jahre künstlerischer Leiter des Festivals und nebenher auch als Buchautor und Filmemacher tätig. In seinem letzten Essayfilm widmete er sich der Geschichte des Sozialismus auf sehr eindrucksvolle Weise. Die ersten Bilder dieses Films stammen aus Die Arbeiter verlassen die Lumière-Werke (1895 – La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon) der Gebrüder Lumière. Dieses Sujets hat sich schon Harun Farocki in Arbeiter verlassen die Fabrik (1995) bedient, doch von Bagh hat etwas anderes vor als politisch-didaktische Aufklärung. Er erzählt eine Geschichte des Sozialismus in (fiktiven) Filmausschnitten. So setzt zum Beispiel die Narration des Films im Jahr 1871 mit Bildern der Pariser Kommune ein, die von Bagh dem sowjetischen Film Das neue Babylon (1929 – Новый Вавилон) entleiht. Dieses Material kombiniert er mit Textstellen linker Theoretiker und Intellektueller sowie einigen eigenen Aufnahmen – ein Streifzug durch Geschichte und Filmgeschichte, der unzählige Verbindungslinien sichtbar macht.

DAD NEUE BABYLON

 

Zu Ende ging das Festival für mich allerdings wieder mit einem Spielfilm. Nach dem verregneten Auftakt verschlug es mich an meinem letzen Abend noch einmal auf die Piazza Maggiore zu Luchino Viscontis Rocco und seine Brüder (1960 – Rocco e i suoi fratelli), dessen visuelle Pracht auf einer gigantischen Leinwand wie dieser erst so richtig zur Geltung kommt. Nun bereue ich meine vorzeitige Abreise noch mehr, denn am Tag darauf soll 2001: Odyssee im Weltraum (1968 – 2001: A Space Odyssee) auf 70mm gezeigt werden – der einzige Film, der nicht in digitaler Form auf der Piazza gezeigt wird.

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Rocco und seine Brüder

Rainer Kienböck

FESTIVALREPORT: Il Cinema Ritrovato – Das italienische Filmfestival für den klassischen Film in Bologna – Tag 2

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Mein bisheriger Festival-Favorit ist keine der zahlreichen Raritäten (davon gibt es aber, soviel sei verraten, zahllose), sondern ein Film eines allseits bekannten Filmemachers. Bunny Lake ist verschwunden (1965 – Bunny Lake Is Missing) von Otto Preminger ist ein gnadenloser, britischer Mystery-Thriller, der mich mit seiner klugen Inszenierung wiederholt an der Nase herumführte. Das geht so weit, dass man ständig hinterfragen muss, welcher der Figuren in der Geschichte man eigentlich vertrauen kann. Ein Film, den man sich zugleich noch einmal ansehen will, um zu überprüfen, ob es schon zu Beginn versteckte Hinweise auf den Täter gibt. Einziger Wermutstropfen der Vorführung war die digitale Kopie, die zwar ganz ordentlich aussah, aber doch die Frage aufwirft, weshalb überhaupt auf solch einem Festival digital projiziert wird. Zumal es mir so vorkommt, dass viele Leute das Festival gerade deswegen besuchen, weil es hier die Gelegenheit gibt, Filme in analoger Form zu sehen. Jahr für Jahr werden hier aber immer weniger analoge Kopien gezeigt (die Gründe dafür sind mannigfaltig), sodass das Festival auf lange Sicht auf die Verfehlung seines Daseinszwecks zusteuert.

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Seltener als Bunny Lake ist verschwunden ist Jacques Tourneurs Skrupellos (1956 – Great Day in the Morning) zu sehen, der im Rahmen der Technicolor-Schau in einer wunderbar abgenutzten alten Vorführkopie gezeigt wurde, die vermutlich noch aus der Zeit der Erstaufführung stammt. Tourneur, der heute zumeist mit seinen gruseligen, meisterhaft belichteten Schwarz/Weiß-Filmen aus den 40er Jahren in Verbindung gebracht wird, zeigt hier, dass er auch mit den Weiten des amerikanischen Westens und Farbfilm umzugehen weiß. Dass Kopien dieser Zeit aber auch ganz anders aussehen können, zeigt die unrestaurierte Fassung von Kennwort „Schweres Wasser“ (1965 – The Heroes of Telemark) aus den Kellern des British Film Instituts, die mit ziemlicher Sicherheit nie im regulären Kinoverleih verwendet wurde. Um die Qualität dieser originalen Technicolor-Kopie zu beschreiben, fehlen mir schlicht die Superlative.

Great Day in the Morning

SKRUPELLOS

 

Die Vier Gesellen (1938)

DIE VIER GESELLEN

Endlich habe ich es auch in einen Film der Bergman-Reihe geschafft. Die vier Gesellen (1938), der einzige deutsche Film der Schauspielerin, aber nicht nur deshalb interessant. Bergman mimt darin eine von vier Absolventinnen einer Grafiker-Schule, die von der männerdominierten Arbeitswelt ihrer Zeit nur belächelt werden, woraufhin sie aus der Not eine Tugend machen und ihre eigene Firma gründen. Nach einiger Zeit stellt sich dann tatsächlich der Erfolg ein, zerbricht aber sogleich wieder, denn der Film hält seinen emanzipatorischen Verve nicht durch und zumindest zwei der vier Gesellen enden in den starken Armen eines Mannes, der für sie sorgt – anders wäre diese Geschichte in Nazideutschland wohl nicht denkbar und kommerziell verwertbar gewesen. Der Film imponiert jedoch nicht nur als Zeugnis vergangener Tage, sondern erinnert in seiner Thematik an so manche heutige gesellschaftliche Brennpunkte und das nicht nur in Bezug auf die soziale Stellung der Frauen, sondern auch auf das Prekariat in der Kreativindustrie und eine nicht allzu rosige gesamtwirtschaftliche Situation, die behutsam und trotz Kontrolle durch die NS-Propagandamaschinerie in den Stoff eingewoben werden. Die Vier Gesellen reiht sich in die lange Reihe jener Filme ein, die auch abseits filmästhetischer und -historischer Fragestellungen zeigen, dass das Eintauchen in die Filmgeschichte ein lohnenswertes Unterfangen ist.

Rainer Kienböck

FESTIVALREPORT: Il Cinema Ritrovato – Das italienische Filmfestival für den klassischen Film in Bologna – Tag 1

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Die Cineteca di Bologna zählt zu den weltweit führenden Institutionen in Sachen Filmrestauration. Neue Kopien alter Filme, die durch die Hände der Italiener gehen, sind in aller Welt in Kinematheken und auf Festivals zu sehen. Wer sich eine Weltreise sparen und einen Überblick von der Arbeit der Cineteca bekommen will, der kann jeden Sommer für eine Woche nach Bologna reisen. Ende Juni findet dort traditionell das Filmfestival Il Cinema Ritrovato statt. Anders als die meisten großen und kleinen Festivals von Cannes bis Lübeck, die jährlich mit den neuesten Werken des Weltkinos locken, konzentriert sich das Il Cinema Ritrovato auf die Vergangenheit. Zwar ist es heute üblich, dass auch aktuelle Festivals Retrospektiven organisieren, aber unter jenen, die sich auf die Filmgeschichte konzentrieren, ist das Il Cinema Ritrovato Krösus. Wenig andere Orte bieten die Gelegenheit, so geballt in die Filmgeschichte einzutauchen, und so tummeln sich in der Universitätsstadt während dieser Tage zahllose Cinephile, Archivare und Filmwissenschaftler.

Dieses Mekka der Filmgeschichte war dementsprechend ein Fixpunkt im 35 MILLIMETER-Veranstaltungskalender. In den kommenden Tagen werden wir unseren Lesern spannende Einblicke in das Festivalleben geben. Wie schon in Cannes widmete sich auch in Bologna ein Schwerpunkt dem hundertsten Geburtstag von Ingrid Bergman. Die Berichte darüber dienen als Ergänzung zu unserer soeben erschienenen Ausgabe # 09 mit der Titelgeschichte über die Schwedin.

FAHRSTUHL ZUM SCHAFOTT

FAHRSTUHL ZUM SCHAFOTT

 

Zunächst fand ich mich jedoch nicht in Schweden wieder, sondern in Frankreich. Den ersten Abend nach meiner Ankunft wollte ich am Piazza Maggiore verbringen, dem Hauptplatz, der den ganzen Sommer über zum Freiluftkino umfunktioniert wird und Teil des Festivalprogramms ist. Dort wurde an diesem Abend FAHRSTUHL ZUM SCHAFOTT (Ascenseur pour l’échafaud – 1958) gegeben. Nach zwanzig Minuten fiel das Screening allerdings buchstäblich ins Wasser – ein Gewitter zog über den Platz, dem einzig die Plastikbestuhlung, ein paar junge Tänzer und der Schein des Projektors standhielten. Folglich begann das Festival für mich erst am nächsten Tag so richtig, aber schon dieser entschädigte ausreichend für die Enttäuschung des vergangenen Abends.

Die Stärken des Programms liegen in der Vielfalt der sorgsam kuratierten Retrospektiven, die nicht als Gesamtschauen konzipiert sind, sondern punktuelle Einblicke bieten. Ein geballtes Festivalprogramm lässt ohnehin nie zu, dass man alle Filme so einer Schau sehen kann, aber dank dieser Programmpolitik kann man Überblick über mehrere Themenfelder erlangen.

Poster - Duck Soup_08

Das größte Programm ist dem US-Regisseur Leo McCarey gewidmet, der vor allem durch seine Arbeit mit Slapstick-Komikern berühmt geworden ist. Das Festival bietet die Gelegenheit, nicht nur dessen Hauptwerke wie zum Beispiel DIE MARX BROTHERS IM KRIEG (Duck Soup – 1933) zu sehen, sondern auch die Kurzfilme, die er noch in der Stummfilmzeit für den Produzenten Hal Roach realisierte. In dieser Zeit arbeitete McCarey unter anderem mit Harold Lloyd, Laurel und Hardy, Charley Chase und Max Davidson zusammen. Trotz der Popularität dieser Darsteller waren einige dieser Filme lange Zeit nicht mehr in 35-Millimeter-Fassungen zu sehen – sie sind aber in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert worden.

DAS HÖLLENTOR

DAS HÖLLENTOR

 

Wie bereits auf der diesjährigen Berlinale gibt es auch in Bologna ein Programm zum hundertsten Geburtstag von Technicolor (siehe dazu auch unsere Titelgeschichte in Ausgabe #08). Filmfarben scheinen insgesamt im Moment hoch im Kurs zu stehen, denn parallel zu dieser Schau werden in einem anderen Programm mehrere frühe japanische Farbfilme gezeigt. Dort wurde erst in den Fünfzigerjahren in größerem Rahmen mit Farbprozessen experimentiert. Einer der ersten dieser Filme, DAS HÖLLENTOR (Jigokumon – 1953) von Teinosuke Kinugasa wurde sogleich mit einem Ehrenoscar und einem Preis beim Filmfestival in Cannes bedacht. Tatsächlich steht dieser Film in Sachen visueller Brillanz den amerikanischen Klassikern in nichts nach. Mehr Entdeckungen dieser Art folgen hoffentlich in den kommenden Tagen.

Rainer Kienböck

35 Millimeter vor Ort – Orson Welles-Retrospektiv im Filmhaus Saarbrücken – Tag 5

DER DRITTE MANN

Bereits im Prolog von DER DRITTE MANN (The Third Man – 1949) zeigt uns Carol Reed, dass die Menschen damals, in der vom Krieg geschwächten und verängstigten Welt, doch voller Hoffnung und Sehnsucht waren. Es waren „ganz brave Burschen“, und unser Protagonist, der Amerikaner Holly Martins, kommt „vergnügt wie eine Haubenlerche“ im geteilten Wien an. Schnell jedoch zerstört Reed die Hoffnung. Er inszeniert das geteilte Wien als visuell entgleisenden Albtraum, in dem ein Menschenleben nichts wert ist. Er dekonstruiert das kindlich naive Weltbild Holly Martins‘, der auf seiner Odyssee durch die Stadt mit der tristen Wirklichkeit konfrontiert wird. Reed zeigt uns Menschen, die, ganz gleich welche Handlungsoption sie wählen, zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sind, die keine Chance auf Erlösung haben. Die Bilder von Robert Krasker lassen die Kulisse des zerstörten Wiens zu einem düsteren, beängstigenden Schattenreich werden, eine Welt in der niemand mehr klar sehen kann. Zum Ende hin werden die Bilder immer schiefer, denn die Welt gerät aus den Fugen, das Leben läuft aus der Bahn. Zur finalen Kollision sinken alle Figuren dann hinab in die Kanalisation, sind dann gefangen in einer Unterwelt, in einem bizarren Höllenlabyrinth. Das Ende unterstreicht die Hoffnungslosigkeit des Films, niemand kann in so einer Welt mehr glücklich werden, und niemand kann vor der Welt fliehen, sagt uns Carol Reed. Nur Anton Karas‘ unentwegt spielende Musik kann uns danach noch trösten.

Simon Kyprianou

Orson Welles und Carol Reed am Set.

Orson Welles und Carol Reed am Set.

Mit DER DRITTE MANN lief heute der wahrscheinlich bekannteste Film dieser Retrospektive. Und wieder einmal gab es vorab nicht nur Informationen zum Film sondern auch kleine Anekdoten zu den Dreharbeiten in Wien. So musste die Filmcrew feststellen, dass im Nachkriegs Wien der Name Paul Hörbiger mehr Türen öffnete als alle Hollywood-Stars des Films zusammen. Ein gelungener Filmabend, an dem auch diesmal zwei glückliche Gewinner, nach einem heiß umkämpften Film-Quiz, mit einer neuen Orson-Welles-DVD nach Hause gehen konnten.

Manuela Lay

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35 Millimeter vor Ort – Orson Welles-Retrospektiv im Filmhaus Saarbrücken – Tag 3

Als zweiten Film der Orson Welles-Retrospektive zeigte das Saarbrücker Filmhaus DER GLANZ DES HAUSES AMBERSON (The Magnificent Ambersons – 1942) passend zum Titel unseres Magazins in einer 35mm-Kopie, die jedoch bereits deutliche Alterungsspuren aufwies. In einer informativen, kurzen Einführung von Michael Jurich gab es Wissenswertes zum Film, der nach Meinung vieler Kritiker Welles Meisterwerk hätte werden können, hätte das Studio nach ersten Probevorführungen die 132 Minuten Originalfassung nicht auf 88 Minuten zusammengeschnitten und das Filmende geändert.

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Der Film beginnt im Jahr 1873 und erzählt den tiefen Fall der Familie Amberson, die jahrzehntelang die vornehmste und reichste Familie, der Glanz der Stadt, war. Doch die Welt ist im Wandel und die Gesellschaft befindet sich im Umbruch und während die Ambersons noch glauben, dass sich die Welt nur um sie dreht, bemerken sie nicht, dass sie und ihr Lebenswandel schon längst von der Realität überholt wurden. Welles übernimmt wieder die Rolle des Erzählers und zeigt in aufwendig ausgestatteten Szenen wie der beschauliche Alltag mit Pferdekutsche langsam, aber unaufhaltsam dem hektischen, lauten Stadtleben mit breiten Straßen und Automobilen Platz machen muss.

 

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Die 35mm-Redaktion konnte auch an diesem Abend wieder zwei glücklichen Gewinnern zu ihren neuen Orson Welles-DVDs bzw. -Blu-Rays gratulieren, die uns Studiokanal freundlicherweise für die Verlosung zur Verfügung gestellt hatte.

Sehr gerne greifen wir auch den Aufruf von Marisa Winter auf, die den heutigen Abend nutzte, um auf die laufende Crowdfunding Kampagne zur Fertigstellung von Welles letztem Film „THE OTHER SIDE OF THE WIND“ bei www.Indigogo.com hinzuweisen. Wer also schon immer mal einen Film von Orson Welles mitfinanzieren wollte, hat jetzt die einmalige Gelegenkeit dazu.

https://www.indiegogo.com/projects/other-side-of-the-wind-orson-welles-last-film

Manuela Lay

35 Millimeter vor Ort – Orson Welles-Retrospektiv im Filmhaus Saarbrücken – Tag 2

Orson Welles-Retrospektiv im Filmhaus Saarbrücken – Tag 2

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Nach der interessanten und umfangreichen Eröffnungsveranstaltung am 05.05. gab es gestern Abend die erste Filmvorführung der ORSON WELLES-Retrospektiv im Saarbrücker Filmhaus. Zu seinem 100. Geburtstag am 06.05. wurde mit CITIZEN KANE eine offensichtliche Wahl für den Mythos ORSON WELLES getroffen. Vor dem Hauptfilm erfuhr das Publikum dank der einleitenden Worte von Marisa Winter um den Ruf des Films und seinen immer hohen Platzierungen auf der Sight & Sound-Liste des BFI, wo CITIZEN KANE jahrzehntelang auf Platz 1 war.

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Der Film beeindruckt immer noch durch ORSON WELLES furioses Erzählen, durch sein fast beiläufiges Aufgreifen und Einbeziehen zeitgeschichtlicher Ereignisse und für seine großartige Rosebud-Metapher. Der Schlüssel zu Rosebud ist dabei immer zum Greifen nahe, etwa wenn ein alter Mann von einer lang vergangenen Begegnung mit einer wunderschönen Frau schwärmt, die er über Jahrzehnte nicht vergessen konnte – die Figuren übersehen diese Dinge tragischerweise immer. Die ewige Platzierung auf der Bestenliste verfälscht natürlich etwas die Unvoreingenommenheit, mit der man doch im besten Falle an Filme herangeht, an einer solch gigantischen Erwartung kann letztlich jeder Film nur scheitern.

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Neben einer schönen Verlosungs-Aktion von STUDIOCANAL und 35 MILLIMETER konnten die Besucher dieses Abends am Stand des Magazins im Foyer des Filmhauses ihrer Leidenschaft zum Film frönen. Weiter geht es am 13.05. mit DER GLANZ DES HAUSES AMBERSON.

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Simon Kyprianou

35 Millimeter vor Ort – Perlen aus dem Norden Tag 3

20.000 Meilen unter dem Meer

Walt Disney hätte damals kaum besser produzieren können. Man nehme eine der bekanntesten Geschichten eines literarischen Visionärs, eine erstklassige Besetzung mit Kirk Douglas, James Mason und Peter Lorre in den Hauptrollen und die kreativsten Köpfe für Tricktechnik und Studiokulissen. Herausgekommen ist dabei eine der wahrscheinlich schönsten und phantasievollstenVerfilmungen eines Werkes von Jules Verne. Der klassische Stoff bietet im positiven Sinne altmodische Abenteuerunterhaltung, etwas Witz und Humor, aber auch nachdenkliche Töne, gerade in Bezug auf den Charakter des Kapitän Nemo. Die Tricktechnik war für damalige Verhältnissen atemberaubend, gerade der Blick aus der Nautilus heraus in die Tiefsee oder die Unterwasserszenen waren in der Form vorher nie zu sehen. Auch der Höhepunkt, ein Kampf gegen einen riesigen Tintenfisch, wurde mit enormen Aufwand inszeniert. Der Film markierte den Startpunkt für Disney im Spielfilmsegment Fuß zu fassen und vermag auch heutzutage noch die ganze Familie zu unterhalten.

Carsten Henkelmann

20000 Leagues under the sea

Auch an diesem Abend durfte die 35 Millimeter-Redaktion wieder dafür sorgen, dass Besucher als glückliche Gewinner nach Hause gingen und nachdem die Technik den Veranstaltern die letzten Tage ein paarmal die Schweißperlen auf die Stirn getrieben hatte, verlief an diesem Abend die Projektion aller Filme ohne die kleinste Störung. Also Schiff Ahoi und volle Kraft voraus in den ersten Teil des ersten Doppel-Feature-Abends, der unter dem Motto „Schiffe“ stand. Zum Einstieg hatte Thomas Pfeiffer vom Filmarchiv der Kinemathek Hamburg einen sehr schönen polnischen Dokumentarfilm über den Bau eines Schiffes bis zu dessen Stapellauf mitgebracht, außerdem das Making-Of von ERSTER SIEG (In Harm’s Way – 1965) und den Trailer zu KÖNIG DER FREIBEUTER (The Buccaneer – 1958).

Wie immer gab es wieder viel Wissenswertes wie z. B. dass 20.000 Meilen etwa 80.000 Kilometern entsprechen und dass es sich dabei um ein Längen- und nicht um ein Tiefenmaß handelt. Somit beschreibt der Hauptfilm des Abends 20.000 MEILEN UNTER DEM MEER (20,000 Leagues under the Sea – 1954) eine 20.000 Meilen lange Reise unter Wasser und die Disney Studios haben dafür alles aufgefahren, was es 1954 an Stars und Filmtechnik zu bieten gab.

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Das Set der Nautilus ist opulent, die perfekte Mischung aus luxuriöser Dekadenz und futuristischer Technik. Vieles davon kann haben andere Regisseure später in ihren Filmen als Reminiszenz „eingeschmuggelt“. Mein persönlicher Favorit waren die Ausblickstationen in Captain Nemos Unterseebot, die man 1-zu-1 als Kampfstation in Han Solos Millennium Falcon wiederfindet. Die Tricktechnik ist nicht nur für die damalige Zeit erstklassig und der bereits erwähnte Kampf mit dem Riesentintenfisch ein absolutes Highlight. Die Erfahrungen, die die Disney Studios zuvor in ihren Naturdokumentationen gesammelt hatten, wurden in beeindruckender Weise vor allem in den Unterwasseraufnahmen genutzt. Dazu kommen aus dem Off die Erklärungen und Anmerkungen von Professor Aronnax (Paul Lukas) in bester Jacques Cousteau oder Steve Zissou Manier. James Mason spielt seinen Nemo als Mann zwischen Genie und Wahnsinn dem das Schicksal übel mitspielte, während Draufgänger Ned Land (Kirk Douglas) zur Freude der damaligen Damenwelt sich gleich mehrfach seines T‑Shirt entledigen darf. Peter Lorre gibt den treuen, loyalen Assistenten des Professors in seiner unnachahmlichen Art und für die jüngeren Zuschauer darf Nemos Haustier, die Seelöwin Esmeralda, als Running-Gag regelmäßig lustige Tricks vorführen. Ein typischer Disney Film für die ganze Familie, lediglich Schildkröten-Freunde sollten ihn auslassen.

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Danach ging es mit Tim Burtons „Ed Wood“ von 1994 weiter, der leider nicht mehr in unser Zeitfenster passt. Wer aber mehr über den angeblich schlechtesten Regisseur der Welt herausfinden will, dem sei dieser Film ans Herz gelegt.

Zu den Kurzfilmen aus dem Vorprogramm:

ERSTER SIEG von Otto Preminger zeigte, dass Making-Ofs keine Neu-Erfindung der Filmindustrie sind, um DVDs mit Bonusmaterial zu füllen, wie Nils Daniel Peiler bemerkte, sondern bereits vor Jahrzehnten dazu genutzt wurden, um das Publikum für einen Film zu interessieren. Und so gab es neben dem obligatorischen hawaiianischen Blumenkranzempfang der Filmcrew auch einen Schach-spielenden John Wayne in den Drehpausen zu bewundern.

Im Trailer zu KÖNIG DER FREIBEUTER erzählte Altmeister Cecil B. DeMille dem Publikum, warum es sich Yul Brynner als Pirat Jean Lafitte unbedingt ansehen sollte. In dieser Art und vor allem in dieser Länge wären Filmtrailer heutzutage gar nicht mehr finanzierbar.

Am eindrucksvollsten war jedoch der knapp 10-minütige Dokumentarfilm aus Polen (auch der Festival-Favorit des Chefredakteurs). In kinematografisch wunderschön eingefangen schwarzweiß Bildern begleitete der Film die Werftarbeiter beim Schweißen im Funkenregen oder als Vorschlaghammer-schwingende Schatten. Aber es waren die Gesichter der Arbeiter in Nahaufnahmen, die in Erinnerung bleiben. Erschöpft und müde während der Zigarettenpausen, nervös und angespannt beim Stapellauf und dann die Freude und auch der Stolz, als das Schiff, ihre harte Arbeit der letzten Wochen, zur seiner Jungfernfahrt antritt.

Manuela Lay

35 Millimeter vor Ort – Perlen aus dem Norden Tag 1

 

35 Perlen

Am 04.03. ging auch für 35 Millimeter das PERLEN AUS DEM NORDEN-Festival so richtig los.

Unser Redakteur Simon Kyprianou war für euch vor Ort – hier sein Bericht zum gestrigen Film DIE RECHNUNG GING NICHT AUF.

 

DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (The Killing – 1956) ist ein Film über Hoffnungen, Ängste und Sorgen. Ein Film über verzweifelte Menschen, die ihren Träumen hinterherjagen, die mit dem fatalistischen Mut der Verzweiflung das Schicksal herausfordern. Am Ende findet Kubrick dann ein kraftstrotzendes Bild, wenn all die Träume und Hoffnungen vom Wind davon geweht werden und in der dunklen Nacht verschwinden. DIE RECHNUNG GING NICHT AUF ist dabei aber auch ein empathischer, urteilsfreier Blick auf ein Mosaik der Menschlichkeit. Kubrick gibt uns fragmentarische Einblicke in die verschiedenen Leben der Protagonisten, in ihre Probleme und Sorgen. Zweifellos Kubricks menschlichster Film – vielleicht zusammen mit EYES WIDE SHUT (1999) –, dessen sonstiges Werk ja von einer erdrückenden Gefühlskälte durchzogen ist. Die Geschichte ist sehr simpel, ein paar verzweifelte Männer (u.a. Sterling Holden, Elisha Cook jr.) mit einer Ausnahme keineswegs Berufsverbrecher, sondern Menschen aus allen möglichen Schichten, wollen eine Pferderennbahn überfallen. Was in DIE RECHNUNG GING NICHT AUF bereits hervorsticht, ist Kubricks präzise Art der Narration und Inszenierung, die in Kubrick-Texten oft mit dem nerv tötenden Schachbrett-Vergleich beschrieben wird. Keineswegs geht der Regisseur hier mit seinen Figuren so unemotional und distanziert um wie mit Schachfiguren, eher das Gegenteil trifft zu. Betroffen und beinahe schon liebevoll blickt er auf ihre Verlorenheit.

The Killing Poster

Dennoch ist es ein präziser Film. Hier entfaltet sich diese Präzision durch die Voice-Over-Erzählung, die immer wieder die genaue Uhrzeit angibt, und durch die klug verschachtelte und doch äußerst dynamische Erzählung. DIE RECHNUNG GING NICHT AUF ist natürlich auch ein sehr einflussreicher Film, nicht nur für Quentin Tarantino, sondern wohl auch für Jean-Pierre Melvilles ähnlich gelagerten VIER IM ROTEN KREIS (Le cercle rouge – 1970).

In Saarbrücken steht Kubrick Kopf

Wie von den ersten beiden Festival-Tagen gewohnt, füllte sich auch am Mittwoch Abend der Kinosaal schnell, kein Wunder, ist Stanley Kubricks DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (The Killing – 1956) schließlich eines der Highlights des Festivals. Vor dem Film lief wie üblich ein liebevoll und thematisch passend zusammengestelltes Vorprogramm, ganz im Zeichen des Sports, angelehnt an die Pferderenn-Thematik in Kubricks Film. Es gab einen sportlichen Jahres-Zusammenschnitt einer alten Wochenschau zu entdecken und außergewöhnliche Filmtrailer, unter anderem den wundervollen Trailer zu Otto Premingers ANATOMIE EINES MORDES (Anatomy of a Murder – 1959).

The Killing

Diese Schmankerl ließen den Appetit auf den eifrig erwarteten Hauptfilm nur wachsen, der nach dem obligatorischen einleitenden Vortrag von Nils Daniel Peiler dann auch anlief. Nach den ersten 15 Minuten allerdings standen Kubricks Bilder plötzlich Kopf, und es war leider kein avantgardistischer Schelmenstreich des jungen Kubrick, sondern wie sich herausstellte eine fehlerhafte Rolle. Nach intensiven Bemühungen die Vorstellung noch zu retten musste man leider aufgeben, niemand kam in den Genuss von Kubrick meisterlicher Chronik des Scheiterns. Eine Enttäuschung, eine die sicher vermeidbar gewesen wäre, da hilft auch der gute Wille der Veranstalter nichts, die aber vielmals um Verzeihung baten und Freikarten zur Entschädigung verteilten.

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Man kann nur hoffen, dass die restlichen Festivaltage wieder so vergnüglich und wunderbar sein werden, wie die ersten Beiden.

Simon Kyprianou

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