35 Millimeter

35 Millimeter

Das Retro Film Magazin

35 Millimeter vor Ort – Orson Welles-Retrospektiv im Filmhaus Saarbrücken – Tag 5

DER DRITTE MANN

Bereits im Prolog von DER DRITTE MANN (The Third Man – 1949) zeigt uns Carol Reed, dass die Menschen damals, in der vom Krieg geschwächten und verängstigten Welt, doch voller Hoffnung und Sehnsucht waren. Es waren „ganz brave Burschen“, und unser Protagonist, der Amerikaner Holly Martins, kommt „vergnügt wie eine Haubenlerche“ im geteilten Wien an. Schnell jedoch zerstört Reed die Hoffnung. Er inszeniert das geteilte Wien als visuell entgleisenden Albtraum, in dem ein Menschenleben nichts wert ist. Er dekonstruiert das kindlich naive Weltbild Holly Martins‘, der auf seiner Odyssee durch die Stadt mit der tristen Wirklichkeit konfrontiert wird. Reed zeigt uns Menschen, die, ganz gleich welche Handlungsoption sie wählen, zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sind, die keine Chance auf Erlösung haben. Die Bilder von Robert Krasker lassen die Kulisse des zerstörten Wiens zu einem düsteren, beängstigenden Schattenreich werden, eine Welt in der niemand mehr klar sehen kann. Zum Ende hin werden die Bilder immer schiefer, denn die Welt gerät aus den Fugen, das Leben läuft aus der Bahn. Zur finalen Kollision sinken alle Figuren dann hinab in die Kanalisation, sind dann gefangen in einer Unterwelt, in einem bizarren Höllenlabyrinth. Das Ende unterstreicht die Hoffnungslosigkeit des Films, niemand kann in so einer Welt mehr glücklich werden, und niemand kann vor der Welt fliehen, sagt uns Carol Reed. Nur Anton Karas‘ unentwegt spielende Musik kann uns danach noch trösten.

Simon Kyprianou

Orson Welles und Carol Reed am Set.

Orson Welles und Carol Reed am Set.

Mit DER DRITTE MANN lief heute der wahrscheinlich bekannteste Film dieser Retrospektive. Und wieder einmal gab es vorab nicht nur Informationen zum Film sondern auch kleine Anekdoten zu den Dreharbeiten in Wien. So musste die Filmcrew feststellen, dass im Nachkriegs Wien der Name Paul Hörbiger mehr Türen öffnete als alle Hollywood-Stars des Films zusammen. Ein gelungener Filmabend, an dem auch diesmal zwei glückliche Gewinner, nach einem heiß umkämpften Film-Quiz, mit einer neuen Orson-Welles-DVD nach Hause gehen konnten.

Manuela Lay

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35 Millimeter vor Ort – Orson Welles-Retrospektiv im Filmhaus Saarbrücken – Tag 3

Als zweiten Film der Orson Welles-Retrospektive zeigte das Saarbrücker Filmhaus DER GLANZ DES HAUSES AMBERSON (The Magnificent Ambersons – 1942) passend zum Titel unseres Magazins in einer 35mm-Kopie, die jedoch bereits deutliche Alterungsspuren aufwies. In einer informativen, kurzen Einführung von Michael Jurich gab es Wissenswertes zum Film, der nach Meinung vieler Kritiker Welles Meisterwerk hätte werden können, hätte das Studio nach ersten Probevorführungen die 132 Minuten Originalfassung nicht auf 88 Minuten zusammengeschnitten und das Filmende geändert.

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Der Film beginnt im Jahr 1873 und erzählt den tiefen Fall der Familie Amberson, die jahrzehntelang die vornehmste und reichste Familie, der Glanz der Stadt, war. Doch die Welt ist im Wandel und die Gesellschaft befindet sich im Umbruch und während die Ambersons noch glauben, dass sich die Welt nur um sie dreht, bemerken sie nicht, dass sie und ihr Lebenswandel schon längst von der Realität überholt wurden. Welles übernimmt wieder die Rolle des Erzählers und zeigt in aufwendig ausgestatteten Szenen wie der beschauliche Alltag mit Pferdekutsche langsam, aber unaufhaltsam dem hektischen, lauten Stadtleben mit breiten Straßen und Automobilen Platz machen muss.

 

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Die 35mm-Redaktion konnte auch an diesem Abend wieder zwei glücklichen Gewinnern zu ihren neuen Orson Welles-DVDs bzw. -Blu-Rays gratulieren, die uns Studiokanal freundlicherweise für die Verlosung zur Verfügung gestellt hatte.

Sehr gerne greifen wir auch den Aufruf von Marisa Winter auf, die den heutigen Abend nutzte, um auf die laufende Crowdfunding Kampagne zur Fertigstellung von Welles letztem Film „THE OTHER SIDE OF THE WIND“ bei www.Indigogo.com hinzuweisen. Wer also schon immer mal einen Film von Orson Welles mitfinanzieren wollte, hat jetzt die einmalige Gelegenkeit dazu.

https://www.indiegogo.com/projects/other-side-of-the-wind-orson-welles-last-film

Manuela Lay

Wem die Stunde schlägt (Masterpieces of Cinema)

Hier ist sie nun, die Vorankündigung der zweiten 35 MILLIMETER-LABEL-KOOPERATION.

Im Auftrag von KOCH MEDIA haben wir wieder ein umfangreiches BOOKLET zu dieser tollen Edition von „WEM DIE STUNDE SCHLÄGT (1943)“ beigesteuert. VÖ: 25.06.2015

 

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Wir stellen diesen Bergman-Klassiker ausführlich im Rahmen der Titelstory zu Ingrid Bergman in der nächsten Ausgabe vor (#9).

Nach der lim. Blu-ray-Edition von BLOB ist die Masterpieces of Cinema-Edition #19 von Koch Media die zweite Veröffentlichung mit 35 Millimeter-Anteil. Weitere werden folgen …

 

 

35 Millimeter vor Ort – Orson Welles-Retrospektiv im Filmhaus Saarbrücken – Tag 2

Orson Welles-Retrospektiv im Filmhaus Saarbrücken – Tag 2

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Nach der interessanten und umfangreichen Eröffnungsveranstaltung am 05.05. gab es gestern Abend die erste Filmvorführung der ORSON WELLES-Retrospektiv im Saarbrücker Filmhaus. Zu seinem 100. Geburtstag am 06.05. wurde mit CITIZEN KANE eine offensichtliche Wahl für den Mythos ORSON WELLES getroffen. Vor dem Hauptfilm erfuhr das Publikum dank der einleitenden Worte von Marisa Winter um den Ruf des Films und seinen immer hohen Platzierungen auf der Sight & Sound-Liste des BFI, wo CITIZEN KANE jahrzehntelang auf Platz 1 war.

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Der Film beeindruckt immer noch durch ORSON WELLES furioses Erzählen, durch sein fast beiläufiges Aufgreifen und Einbeziehen zeitgeschichtlicher Ereignisse und für seine großartige Rosebud-Metapher. Der Schlüssel zu Rosebud ist dabei immer zum Greifen nahe, etwa wenn ein alter Mann von einer lang vergangenen Begegnung mit einer wunderschönen Frau schwärmt, die er über Jahrzehnte nicht vergessen konnte – die Figuren übersehen diese Dinge tragischerweise immer. Die ewige Platzierung auf der Bestenliste verfälscht natürlich etwas die Unvoreingenommenheit, mit der man doch im besten Falle an Filme herangeht, an einer solch gigantischen Erwartung kann letztlich jeder Film nur scheitern.

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Neben einer schönen Verlosungs-Aktion von STUDIOCANAL und 35 MILLIMETER konnten die Besucher dieses Abends am Stand des Magazins im Foyer des Filmhauses ihrer Leidenschaft zum Film frönen. Weiter geht es am 13.05. mit DER GLANZ DES HAUSES AMBERSON.

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Simon Kyprianou

Die Farben im Blut von Amor

William Shakespeare hat in seinem Sommernachtstraum darauf verwiesen, dass der Liebesgott Amor blind dargestellt werden würde:

“Love looks not with the eyes but with the mind;
And therefore is wing’d Cupid painted blind.”

Für unseren Videoessay zum Thema 100 Jahre Technicolor wäre diese Blindheit natürlich fatal, denn schließlich gehen der Reiz, die Erotik und die Faszination der Farben im Film von einer überschäumenden Kraft des Sehens aus. Mit unserem Titel „Die Farben im Blut von Amor“ verweisen wir bereits auf das, was den Protagonisten vieler Melodramen und anderer Technicolor-Filme droht. Sie schießen den Pfeil, aber verletzten sich selbst und ähnlich geht es den Zusehern, die sich im Rot von Powell und Pressburger verlieren oder im orange-goldenen Indien bei Renoir, um von dieser Faszination, die einen dazu verleitet die Augen ganz weit zu öffnen, um jeden Farbton mit den eigenen Pupillen aufzusaugen und die sich plötzlich in einen tiefen Schmerz verwandeln kann, nämlich immer dann, wenn diese in den Farben gespiegelte Liebe oder Hoffnung zerbricht, wenn die in Farben gehüllten Figuren sterben oder schlicht, wenn der Film endet.

Dabei wirkt die Farbe zunächst wie ein Signal. Objekte, Augen und Kleider werden betont und immerzu wird in Schuss-Gegenschuss Passagen von exakt dieser Faszination erzählt. Man könnte sagen, dass die Farben lediglich als narratives oder betonendes Element eingesetzt werden, aber mit großer Sicherheit sind sie insbesondere im Technicolor-Kino eine eigenständige Faszination, die einen Materialität und Sinnlichkeit der Bilder bewusst macht. Wenn klar wird, dass sich in den Augen der Figuren und den Bewegungen des Begehrens die gleichen Farben treffen, dann kann der Rausch beginnen. Dann tanzt alles und das Feuerwerk der Farben pulsiert und erhöht mit jeder emotionalen Regung die Fallhöhe des Dramas, das sich letztlich auch in Farben wie rot eingefärbten Himmeln, Blut oder einem gelben Schleier offenbart.

Jedoch wollen wir uns immerzu bewusst sein, dass diese Farben Teil einer Konstruktion sind, die ein bestimmtes Begehren im Zuseher künstlich und ökonomisch rentabel auf die Leinwand bringt. Und in diesem Sinn ist die Liebe in Amors Pfeil dann eben doch eine Sache des Kopfes. Es liegt nur am Betrachter, ob der Weg vom Kopf in sein Herz und seine Fantasie geht oder in seinen Zweifel.

Patrick Holzapfel

35 Millimeter-Titelstory in Ausgabe #8 – 100 Jahre Technicolor