35 Millimeter

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Das Retro Film Magazin

Leslie Banks

25. Februar 2015 | 1 Comment

Ein britischer Schauspielpionier

Mag man noch so große Zweifel daran haben, dass Hollywood eine Traumfabrik und Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, kann einen die Karriere des britischen Schauspielers Leslie Banks am Ende doch eines Besseren belehren. Banks wurde am 9. Juni 1890 im englischen West Derby geboren und verfolgte zunächst den Berufswunsch Pastor zu werden. Zu diesem Zweck nahm er sogar ein Studium auf, brach dieses aber schließlich ab und schloss sich der Theatertruppe von Frank Benson an, die ihm Ende 1911 zu seinem Bühnendebüt verhalf. Seine erste Rolle soll „Der alte Gobbo“ in DER KAUFMANN VON VENEDIG gewesen sein. Bereits zwischen 1912 und 1914 tourte er nachfolgend durch die USA sowie Kanada und schaffte es 1914 schließlich auch auf die renommierten Bretter des Vaudeville Theatres im Londoner West End. Als er später, im Jahre 1921 dorthin zurückkehrte, hatte sich sein Leben jedoch tragisch verändert. Banks war im I. Weltkrieg Mitglied des sogenannten Essex Regiments, wurde verwundet und trug bleibende Schäden im Gesicht davon. Auf seinem rechten Profil blieben Lähmungserscheinungen und Vernarbungen zurück. Ein schrecklicher Schicksalsschlag, als er gerade dabei war, sich eine eigene Familie aufzubauen. Er hatte 1915 geheiratet – die Ehe hielt bis zu seinem Tod und schenkte ihm drei Töchter. Aus der Bahn werfen ließ sich Leslie Banks nicht. Er arbeitete nach dem Krieg weiter als Schauspieler, neubeginnend in Birmingham und etablierte sich bei seiner Rückkehr nach London schließlich als einer der Hauptdarsteller des Hauses. 1921 soll er auch sein Filmdebut, in einer kleinen Rolle an der Seite von Richard Barthelmess, in dem US-Film EXPERIENCE gegeben haben, wobei diese Angabe mit Vorsicht zu behandeln ist. Im Stummfilm fasste Banks allerdings so oder so keinen Fuß, debütierte stattdessen aber 1924 in New York, und das in keiner unbekannteren Rolle als der des Captain Hook in einer Theateradaption von PETER PAN. Während der 20er Jahre wurde Leslie Banks zu einem der bekanntesten britischen Stars am Broadway und zunehmend zeichnete sich ab, dass seine Karriere von britischen und amerikanischen Produktionen gleichermaßen geprägt werden würde.

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1932 inszenierte Leslie Banks, der auf den Brettern, die die Welt bedeuten, auch zuweilen als Regisseur in Erscheinung trat, George Bernard Shaws Komödie TOO TRUE TO BE GOOD am Londoner Guild Theatre. Die Inszenierung brachte es im April und Mai des Jahres auf 57 Aufführungen, mit einem Ensemble um Leo G. Carroll und Claude Rains, die beide kurz darauf in Hollywood Bekanntheit erlangten – vor allem Rains, dessen erstes Tonfilmengagement die Titelrolle in dem Universal-Horrorklassiker DER UNSICHTBARE (The Invisible Man – 1933) war. Auch Leslie Banks schaffte nur Monate nach dieser Theaterproduktion mit einem Horrorfilm den Sprung noch Hollywood. Als im September 1932 der Film in die US-Kinos kam, der ihm im Laufe der Jahrzehnte ein Denkmal schuf, war er bereits 42 Jahre alt. Sein erster Tonfilm, vielleicht sein erster Film überhaupt, und gleich eine Hauptrolle, als GRAF ZAROFF – GENIE DES BÖSEN (The Most Dangerous Game – 1932). Teile dieses heute legendären Werkes, das noch vor Einführung des Hays Codes entstand und als düsteres, brutales, psychologisch perfides Extrembeispiel des klassischen US-Horrorfilms gilt, woran die sadistische, sozio- und psychopatische Figur des von Banks verkörperten Grafen Zaroff maßgeblichen Anteil hat, gelten bis heute als verschollen, da sie aufgrund dessen, dass man sie dem Publikum nicht zumuten wollte, herausgeschnitten wurden. Fortan war Banks auch beim Film ein gefragter Hauptdarsteller und drehte in den knapp 20 verbleibenden Jahren seines Lebens rund 30 weitere Filme, zumeist britische Produktionen, von denen etliche aber internationale Bekanntheit erlangten. Gleichzeitig war er trotzdem immer noch rege auf der Bühne aktiv, einer seiner Auftritte als CYRANO DE BERGERAC wurde 1938 sogar live im britischen Fernsehen übertragen und noch im September 1940 schaffte er es auf das Cover des Magazins „Theatre World“.

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GRAF ZAROFF – GENIE DES BÖSEN

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Aus heutiger Sicht mag eine Filmkarriere mit gut 30 Werken überschaubar anmuten, jedoch blieb GRAF ZAROFF – GENIE DES BÖSEN nicht der einzige Meilenstein der Filmgeschichte, an dem Leslie Banks maßgeblich beteiligt war. 1934 etwa spielte er, an der Seite von Peter Lorre, in der ersten Version von Alfred Hitchcocks DER MANN, DER ZUVIEL WUSSTE (The Man Who Knew Too Much – 1934) die im US-Remake später von James Stewart übernommene Hauptrolle. Während sein durch die Kriegsverwundung beeinträchtigtes Aussehen ihm als diabolischer Graf Zaroff noch in die Karten gespielt hatte und Banks sich sein Äußeres in derartigen, negativ konnotierten Rollen wohl auch absichtlich zunutze machte, ist in Hitchcocks frühem Geniestreich auffällig, dass Banks vornehmlich mit dem linken Profil zur Kamera agiert. Die andere Seite seines Gesichts sieht man in sympathischen Filmrollen nur selten zur Kamera gewandt und wenn, dann aus der Distanz oder nur kurzzeitig. Anhand eines flüchtigen Moments aus Hitchcocks Film, wenn Banks in einer Nahaufnahme seinen Kopf schnell zur Seite dreht, kann man in Standbildern deutlich eine große Narbe auf seiner rechten Gesichtshälfte erkennen. Umso bemerkenswerter ist, wie gekonnt Banks und auch seine Regisseure bei der Inszenierung mit diesem Handicap umgingen, so dass es seinem Erfolg auf der Bühne und vor allem beim Film keinen Abbruch tat. Leslie Banks ist ein Paradebeispiel dafür, welch große Kunst dahinter steckt, einen Schauspieler in einem Film in Szene zu setzen, so dass selbst auffällige körperliche Eigenschaften im Film praktisch nicht auffallen, wenn man als Zuschauer nicht schon vorher darum weiß.

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DER MANN, DER ZUVIEL WUSSTE

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Gleich im folgenden Jahr wirkte er an einem weiteren denkwürdigen Streifen mit: BOSAMBO (Sanders of the River – 1935), nach einem Roman von Edgar Wallace, dem ersten britischen Tonfilm, der teils „on location“ in Afrika gedreht wurde. Mit Filmen dieser Art wird sich die kommende Ausgabe #8 von 35 MILLIMETER eingehender beschäftigen. Bahnbrechend war auch ZIGEUNERPRINZESSIN (Wings of the Morning – 1937), der als erster im Three-Strip Technicolor-Verfahren gedrehter Spielfilm Europas Geschichte schrieb und mit Leslie Banks als männlicher Hauptfigur der einleitenden, als Rückblick erzählten Geschichte aufwartet. ZIGEUNERPRINZESSIN war jüngst Teil der Retrospektive der diesjährigen 65. Berlinale. Speziell das Thema Technicolor wird Schwerpunkt unserer nächsten Ausgabe sein.

 

Leslie Banks spielte bis zu seinem Tode abwechslungsreich in zahlreichen Genres. Zum Horror- und Abenteuerfilm kommen Dramen, Kriegs- und Historienfilme, Kriminalfilme verschiedener Art und Ernsthaftigkeit, aber auch waschechte Komödien und sonstige leichte Stoffe. So war er etwa in dem Revuefilm I AM SUZANNE! (1933) neben Lilian Harvey zu sehen, gab aber auch den Inspektor in THE ARSENAL STADIUM MYSTERY (1939) sowie BUSMAN’S HONEYMOON (1940) und drehte mit DIE KAMMER DES SCHRECKENS (The Door with Seven Locks – 1940) einen weiteren Edgar Wallace-Film, diesmal basierend auf einer Krimigeschichte, die in Deutschland später mit Heinz Drache neu verfilmt wurde. Auch spielte er an der Seite von Laurence Olivier in dem Historienfilm FEUER ÜBER ENGLAND (Fire Over England – 1937), unter der Regie von William K. Howard. Olivier kam als Regisseur wiederum auf Banks zurück, als er 1944 seine theaterhafte, sehr eng an den Originaltexten gehaltene Inszenierung von HEINRICH V. (Henry V – 1944) vorlegte, dem ersten Technicolor-Film, der aus einem Shakespeare-Stück hervorging und zugleich als wohl erste künstlerisch wie auch kommerziell erfolgreiche Shakespeare-Filmadaption gilt. Banks besaß seit seiner frühen Zusammenarbeit mit Frank Benson, der auf Shakespeare-Produktionen spezialisiert war, eine große Affinität zu den Werken des berühmten Poeten.

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DIE KAMMER DES SCHRECKENS

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Ferner arbeitete Leslie Banks für DIE TAVERNE VON JAMAIKA (Jamaica Inn – 1939) ein weiteres Mal mit Alfred Hitchcock zusammen. Prägnant erscheinen auch seine Produktionen mit Michael Powell, unter dessen Regie er in insgesamt vier Filmen zu sehen war: THE FIRE RAISERS (1934), RED ENSIGN (1934), THE NIGHT OF THE PARTY (1935) und EXPERTEN AUS DEM HINTERZIMMER (The Small Back Room – 1949), wobei letzterer zu den Filmen zählt, die von Powell in Zusammenwirkung mit seinem kongenialen Partner Emeric Pressburger inszeniert wurden. Nach diesem letzten Film mit Powell drehte Banks noch zwei weitere Filme: DIE UNBEKANNTE ZEUGIN (Your Witness – 1950), einen britischen Film, der unter der Regie des US-Schauspielers Robert Montgomery, mit ihm selbst in der Hauptrolle, entstand, dessen Co-Star Banks schon zehn Jahre zuvor in BUSMAN’S HONEYMOON gewesen war, und MADELEINE (1950), für den Banks das erste Mal mit David Lean zusammenarbeite. Gut zwei Jahre nachdem dieser, sein letzter Film in die britischen Kinos gekommen war und er zwischenzeitlich weiter auf der Theaterbühne gestanden hatte, erlitt Leslie Banks am 21. April 1952 einen Schlaganfall und verstarb im Alter von 61 Jahren in London.

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One person is talking about “Leslie Banks

  1. Vielen Dank für diese schöne Hommage an einen wunderbaren, leider im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannten Schauspieler!

    Ich verehre Leslie Banks sehr, seit ich ihn zum ersten Mal als Graf Zaroff gesehen habe. Ich finde seine Ausstrahlung einfach faszinierend, gerade durch sein durch die Wunden des Krieges verletzte Gesicht. Die eine Gesichtshälfte ist unversehrt, während die andere partiell gelähmt und verletzt ist.

    Erwähnen sollte man noch seine Darstellung des kalt berechnenden, egozentrischen Anwalts Keith Durrant in „21 Days“ (1940) an der Seite von Laurence Olivier und Vivien Leigh, den weniger bekümmert, dass sein Bruder einen Menschen auf dem Gewissen hat, sondern dass dies seiner eigenen Karriere nicht förderlich sein könnte.

    Ähnlich gelungen wie seine Verkörperung des exzentrischen Inspektors Slade in „The Arsenal Stadium Mystery“ ist auch sein Porträt des nicht minder exzentrischen, doch brillanten Erfinders John Barrington in „Cottage to Let“ (1941)

    Denkwürdig ist auch seine Darstellung des Marineoffiziers Captain Hyde in „Sons of the Sea“ (1939), der im Verlauf seiner Untersuchungen in einem Spionagefall durch seine Gegner eine partielle Amnesie erleidet und traumatisiert wird.
    Eingedenk von Banks‘ eigenen Kriegserlebnissen ist es besonders berührend zu sehen, wie der von ihm verkörperte Charakter langsam wieder ins Leben zurückfindet.

    Ergänzen möchte ich noch seine ausgezeichnete Darstellung des Oliver Wilsford in „Went the Day Well?“ (1943) Er spielt darin einen Landjunker, der nach außen hin alle englischen Tugenden vertritt, in Wirklichkeit jedoch aktiv die Fünfte Kolonne der Nazis unterstützt und dabei auch vor einem Mord nicht zurückschreckt.

    Sehr interessant ist übrigens, dass Michael Powell seinen Hauptdarsteller Leslie Banks in „Red Ensign“ ausschließlich im Profil aufgenommen hat, so dass dem Publikum stets seine unverletzte Gesichtshälfte zugewandt ist.

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