35 Millimeter

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Das Retro Film Magazin

35 mm – vor Ort / on Set

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BERLINALE 2015 – Boulevard der Stars

Pünktlich zur Berlinale wird Berlin jedes Jahr für einige Tage zu einem der wichtigsten Zentren des nationalen und internationalen Films. Doch auch den Rest des Jahres ist Berlin für Filmliebhaber eine Reise wert: Zahlreiche Originalschauplätze locken genauso wie die Nähe zum Filmpark Babelsberg und das Museum für Film und Fernsehen. Direkt in dessen Nachbarschaft gibt es seit einigen Jahren ein auf den ersten Blick sehr unscheinbares Denkmal für den deutschen Film: den Boulevard der Stars.

Stars-2012_Liste1_Seite_1_1Ganz nach dem Vorbild des berühmten Walk of Fame in Hollywood findet sich also mitten in Berlin ein Gehweg mit Sternen, die bedeutenden deutschen Filmschaffenden gewidmet sind. 101 berühmte Namen sind hier zu finden – Schauspieler und Regisseure genauso wie Produzenten und Kameraleute. Versehen sind die Sterne, neben dem Namen, mit der Funktion des jeweiligen Stars, seinem Geburts- und eventuell Todesjahr sowie einer Reproduktion der Unterschrift.

Die Auswahl von Stars und Sternchen zieht sich dabei quer durch die deutsche Film- und Entertainmentgeschichte. Den chronologischen Anfang macht sicher der gebürtige Berliner Max Skladanowsky. Gemeinsam mit seinem Bruder Emil Skladanowsky gehört er zu den Pionieren des bewegten Bildes und schrieb so, parallel und oft überschattet vom weit größeren Erfolg der Gebrüder Lumière, Filmgeschichte.

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Doch auch zahlreiche weitere Regisseure der ersten 70 Kinojahre entdeckt man zwischen zeitgenössischen Namen wie Til Schweiger und Christoph Waltz: hier der Stern von Max Ophüls, dort der von Ernst Lubitsch. Thea von Harbou ist genauso auf dem Boulevard der Stars vertreten wie Fritz Lang. Beim gemütlichen Flanieren entdeckt der Besucher auch den Komponisten Werner Richard Heymann und den Kameramann Karl Freund. Und noch so viele weitere mehr.

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Was der Boulevard leider nicht bietet, sind weiterführende Informationen über seine Stars. Aber natürlich sorgt genau das beim gemeinsamen Besuch für Gespräche über bekannte und unbekannte Namen, bekannte und unbekannte Filme. Und schließlich gilt in den Zeiten des allgegenwärtigen Smartphones: Ein Name und was dahinter steckt ist sehr schnell nachgeschaut. Als kleines Gimmick bietet der Boulevard der Stars Fotostationen, mithilfe derer sich der Besucher gemeinsam mit Mario Adorf, Hildegard Knef oder jedem anderen vertretenen Star ablichten kann. Durch einen kleinen optischen Trick werden beim Blick durch diese Stationen die Stars auf ihren Sternen stehend gezeigt – Fotografieren erlaubt und erwünscht! Mehr als ein netter Gag ist das allerdings nicht, da die Qualität der Bilder leider nur mäßige Ergebnisse erlaubt.

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Neben der Qualität der Fotostationen ist es ein bisschen schade, dass einige der Sterne ebenfalls bereits deutliche Abnutzungserscheinungen zeigen. Trotzdem ist der Boulevard der Stars ein nettes (und kostenloses!) Ausflugsziel für Filmenthusiasten, die sich wieder einmal an den einen oder anderen berühmten Namen von damals und heute erinnern möchten.

Barbara Scherer

Jörg Mathieu 11. Februar 2015 1 Comment Permalink

35 Millimeter vor Ort – Nakahira Kō

Retrospektive 2014: Kō Nakahira –
The Wild Child Of The Sixties in Köln

Wenn man nach wichtigen japanischen Filmemachern fragt, wird in neun von zehn Fällen Akira Kurosawa genannt. Vielleicht fallen noch die Namen Inoshirō Honda oder Yasujirō Ozu. Aber wer kennt Nakahira Kō? Auch wenn nur die absoluten Japan-Filmfans um den Filmemacher und seine Werke wissen, so hat er doch einen Platz in der japanischen Filmgeschichte.

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Für das Japanische Kulturinstitut Köln – die Japan Foundation – steht unter anderem die Kunst und Kultur der japanischen Gesellschaft im Mittelpunkt. Einer der Schwerpunkte im Wirken des Instituts sind Filmreihen von japanischen Filmemachern, die sich in Japan, aber auch international einen Namen gemacht haben. So nahm man sich nun auch des Ausnahmeregisseurs Nakahira Kō mit einer Retrospektive einiger seiner Filme an. In der Zeit von September bis Dezember letzten Jahres konnten sich Interessierte 24 von 47 seiner Filme ansehen, die zwischen 1956 und 1966 produziert wurden. Dank eines liebevoll gestalteten und informativen Programmhefts, welches das Japanische Kulturinstitut um die Kulturreferentin Angela Ziegenbein den Besuchern zur Verfügung stellte, ließ sich schon vor dem Besuch der Vorführungen ein erster Eindruck von den gezeigten Werken des Nakahira Kō gewinnen. Aber wer war dieser Mann?

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Nach Anfängen als Regieassistent für Größen wie Akira Kurosawa und Kanetō Shindo durfte er mit VERRÜCKTE FRÜCHTE (Kurutta kajitsu – 1956) sein Regiedebüt feiern. Nakahira machte mit seinem Debütfilm direkt auf sich aufmerksam und schuf ein Meisterwerk des japanischen Kinos. Trotz vieler nachfolgend in Japan und Hongkong gedrehter Filme, wobei er sich nie einem Genre verschrieb, wurde gerade sein Erstling zu seinem größten Erfolg. Der Vielfilmer galt seitdem als Modernist des japanischen Kinos. Auch ein gewisser François Truffaut sah den Film und war voll des Lobes über den jungen Japaner. Auf den ersten Blick waren Nakahiras Filme zwar Unterhaltungsfilme, offenbarten aber vielschichtige Themen wie persönliche und gesellschaftliche Freiheit oder Moralvorstellungen und Machtstrukturen in der japanischen Gesellschaft. Er drehte eine Vielzahl an Melodramen, u. a. DIE LEIDENSCHAFT DER VIER JAHRESZEITEN (Shiki no aiyoku – 1958), Jugenddramen wie VERRÜCKTE FRÜCHTE (Kurutta kajitsu – 1956), Thriller wie EINE STADT, DIE NICHT AUF DER KARTE VERZEICHNET IST (Chizu no nai machi – 1960) und Komödien wie MILCHMANN FRANKIE (Gyunyu-ya furanki – 1956). Auch Actionfilme wie WENN ES GEFÄHRLICH WIRD, IST GELD IM SPIEL (Yabai koto nara zeni ni naru – 1962) , Abenteuerfilme wie DER ARABISCHE STURM (Arabu no arashi – 1961) und Experimentalfilme wie FLORA AUF SAND (Suna no ue no shokubutsu-gun – 1964) zieren seine Filmographie. Nakahira versuchte sich einen eigenen experimentellen Still anzueignen. Er selbst sah seine eigene Karriere als Herausforderung an. In seiner Schaffenszeit produzierte er nicht nur Meisterwerke, sondern auch mittelmäßige oder gar misslungene Filme, die aber immer noch ein gewisses, ihn als Regisseur charakterisierendes Etwas haben. Wenn man Nakahira verstehen möchte, dann kann und sollte man es nicht über einzelne seiner Filme versuchen.

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Nakahira Kō wurde am 3. Januar 1926 geboren und verstarb am 11. September 1978. Wer sich ein eigenes Bild von den Werken des Regisseurs machen möchte, kann bis März 2015 noch in Düsseldorf, Fürth, Nürnberg und München die Filme bestaunen.

Manfred Steffens

35 Millimeter vor Ort – Frühe Tonbilder im Kino 8 ½ Saarbrücken

Frühe Tonbilder im Kino 8 ½

Die Anfänge des Musik-Videos

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Stummfilme waren immer stumm und MTV hat das Musik-Video Zeitalter eingeläutet? In beiden Fällen lautet die Antwort: Nein! Den Beweis dafür zeigte das bereits mehrfach für seine Programmauswahl ausgezeichnete Saarbrücker „Kino 8 ½“ am 11.11.2014 mit dem PROJEKT FRÜHE TONBILDER des Deutschen Filminstituts Wiesbaden. Für dieses Projekt hat das DFI insgesamt 14 dieser frühen Tonbilder restauriert und digital aufgearbeitet. Dabei handelt es sich ausschließlich um 2-4 minütige Musikstücke aus Oper, Operette und verschiedenen Revue-Nummern.

Dass durch die nicht vorhandene Tonspur den Filmen eine wichtige Erzählebene fehlte, wurde den ersten Filmemachern schnell klar. So engagierte man etwa Filmerzähler, die während der Vorstellung Handlung und Dialoge erzählten. Oder es gab im Filmtheater ein Orchester oder einen Pianisten, die die Handlung entsprechend dramatisch, lustig oder romantisch untermalten und verstärkten. Beides hatte den Nachteil, dass man zusätzliches Personal benötigte. Aber bereits 1902/03 kamen die ersten Geräte in Einsatz, die es ermöglichten ohne größeren Aufwand kurze Tonbilder zu zeigen. Der Ton lieferten Tonwalzen oder Schelllackplatten, die Bilder wurden entsprechend der Tonvorlage inszeniert und gefilmt. Während es in Frankreich das Chronophone von Gaumont gab, war die führende Firma in Deutschland die Deutsche Bioscop aus Berlin, die 1912 die Babelsberger Filmstudios gründete. Das PROJEKT FRÜHE TONBILDER umfasst außerdem noch Aufnahmen aus den Archiven der Firmen Alfred Duskes und der Deutschen Mutoscop und Biograph GmbH.

Alle gezeigten Tonbilder haben eins gemeinsam, sie wollen ihr Publikum unterhalten und die breite Masse erreichen. Nicht jeder konnte sich zu dieser Zeit teure Theaterkarten leisten, das Radio lag noch zwei Jahrzehnte entfernt in der Zukunft, die einzige Möglichkeit Musik zu hören war entweder Live-Musik oder selbst Musik machen. Dank der Tonbilder konnte man sich nun die neuesten Gassenhauer und seine Lieblingsarien im Filmtheater ansehen. So wurde manchmal mit viel Liebe zum Detail – häufig jedoch wie am Fließband – ein Musik-Clip nach dem anderen abgedreht. Jede der Filmproduktionsfirmen hatte ihr Stammpersonal an Schauspielern und Schauspielerinnen, die versuchten so Lippensynchron wie möglich zur Tonaufnahme bekannter Sänger und Sängerinnen zu agieren. Auffällig war bei den gezeigten Filmen, dass sich das Revue-Theater dabei bedeutend besser zu verkaufen wusste. Während man bei den Opern-Arien meist starr oder mit dramatischem Over-Acting die Ernsthaftigkeit und Seriosität dieses Genres zu zeigen versuchte, nutzen die Akteure der Revuen die meist eindeutig zweideutigen Liedtexte als Filmhandlung.

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Die 14 Tonbilder, die an diesem Abend gezeigt wurden, waren:

LOHENGRIN – Wenn ich im Kampf für dich siege (Deutsche Bioscop – DE ca. 1908)

Das Paradebeispiel wie man heute nicht mehr inszenieren würde. Selbst Richard Wagner wäre nicht wirklich begeistert gewesen, wenn man bedenkt, wie er die Oper und deren Inszenierung revolutioniert hat. Die Statisten sitzen zum Teil deutlich gelangweilt und bewegungslos herum, die Hauptakteure bewegen bestenfalls ihre Köpfe von links nach rechts und die dramatisch, weit aufgerissenen Augen des Speerhalters auf der rechten Seite lassen den Zuschauer jeglichen Ernst für die Situation vergessen.

RIGOLETTO – O wie so trügerisch (Deutsche Bioscop – DE 1909)

„La donna è mobile“ von Guiseppe Verdi ist heutzutage – Tiefkühlpizza sei Dank – wohl eine der bekanntesten Opern-Arien. Hier gibt es die deutsche Fassung und der Schauspieler singt nicht nur Lippensynchron, er nutzt sogar Kulisse und Requisite.

DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR – Wie freu ich mich (Deutsche Bioscop – DE 1908)

Dies ist eines der besseren Stücke aus dem Klassik-Repertoire. Die beiden Darsteller zeigen eine richtige Handlung und unterstreichen durch Mimik und Gestik den Text des Stückes. Das Bühnenbild und die Kostüme sind sehr detailreich und optisch wirklich gelungen.

MARTHA – Mag der Himmel dir vergeben (Deutsche Bioscop – DE 1908)

Hier können die Kostüme und Statisten leider nicht wirklich viel retten. Man hat manchmal den Eindruck, dass die Darsteller nicht einmal einen Probelauf vorher hatten. Dafür ist das Tonmaterial wie bei allen anderen Tonbildern überraschend gut und das leichte Gramophon-Kratzen lässt es trotzdem authentisch wirken.

LUCIA VON LAMMERMOOR – Wer vermag’s den Zorn zu hemmen (Deutsche Bioscop – DE 1908)

Gaetano Donizettis Oper ist zurzeit auch im Saarländischen Staatstheater aufgeführt. Da es sich bei diesem Tonbild zum großen Teil um dieselben Darsteller der MARTHA Inszenierung handelt, würde ich persönlich die Staatstheater-Inszenierung bevorzugen. Es gibt zwar etwas mehr Schauspielerei zu sehen, diese artet aber leider schnell in dramatisches Over-Acting aus – Schade eigentlich.

DER TROUBADOUR – O mein Geliebter/Terzett. Nr. 71 (Deutsche Bioscop – DE 1909)

Guiseppe Verdi war der Hit-Lieferant seiner Zeit. Spätestens einen Tag nach der Uraufführung seiner Opern, sangen die Leute auf der Straße die Arien nach – so wird es jedenfalls behauptet. Kein Wunder also, dass besonders die Stücke von Verdi zu Tonbildern wurden. Allerdings hätte sich ein wenig weniger Ernsthaftigkeit auch bei diesem Beispiel von Vorteil erwiesen.

FAUST – O mein Geliebter/Soldatenchor. Nr. 79 (Deutsche Bioscop – DE 1909)

Man merkt, dass der 1. Weltkrieg fast vor der Tür steht, denn das Militär wird umjubelt und glorifiziert. Diese „Message“ wirkt heute eher verstörend, ist aber vor diesem historischen Hintergrund wohl als normal anzusehen. Es ist schließlich nicht das letzte Mal, dass man Filmkunst als Propaganda und zur Stärke der Moral gebraucht.

FLOTTENMARSCH (Deutsche Mutoskop und Biograph – DE 1908)

Es spielt auf zum Marsch die Kapelle des 2. Garde-Regiments zu Fuß unter der Leitung von Max Graf. In diesem Fall gab es statt Schauspieler und Schauspielerinnen ausnahmsweise die echten Orchester-Musiker zu sehen. Somit dürfte dieses Tonbild wohl eines der ersten „Live-Konzert Mitschnitte“ sein.

DIE REGIMENTSTOCHTER – Weiß nicht die Welt (Deutsche Mutoskop und Biograph – DE 1909)

Zur Musik von Donizetti gibt es wieder die deutsche Textfassung zu hören und anstelle von Studioaufnahmen wurde an einem sonnigen Tag im Freien gedreht. Die fesche Regimentstochter marschiert mit ihrer Trommel dem Regiment voraus und zur Belustigung des Publikums gibt es einen Zivilisten, der ständig versucht, sich zwischen den Soldaten zur Regimentstochter vorzuschleichen, um diese Küssen zu können.

DIE LUSTIGE WITWE – Die Grisetten oder Das Trippel-Trappel Lied (Produktionsfirma und Jahr unbekannt)

Franz Lehár ist neben Johann Strauss der wahrscheinlich bekannteste Operetten-Komponist und DIE LUSTIGE WITWE wohl sein bekanntestes Werk. Dieses Tonbild zeigt, wie man die 3:10 Minuten der Grisetten optimal nutzt. Die Tänzerinnen folgen einer einstudierten Choreografie und nutzen die gesamte Bildbreite dafür aus. Leider ist dieses Tonbild eines der vielen „Nitrat-Opfer“ und hat die einige optischen Schäden.

UNTERM PARAPLUI (Nr. 78) (Duskes – DE ca. 1908)

Dieses Stück ist aus einer der unzähligen Berliner Revuen und kann nicht mehr genau zugeordnet werden. Gezeigt wird eine Straßenszene, in der ein junger Mann eine junge Dame anspricht und dem geneigten Zuschauer vor Augen geführt wird, was so alles unter einem Regenschirm passieren kann. Zum Glück ist der Ehemann der jungen Dame zu Hause und weiß von nichts.

Die letzten 3 Stücke:

  • DER BUMMEL-COMPAGNON – Duett aus DAS MUSS MAN SEH’N! (Deutsche Bioscop – DE 1908)
  • ABENDS NACH NEUNE – Duett aus DURCHLAUCHT RADIESCHEN (Deutsche Bioscop – DE 1907)
  • ROLAND UND VIKTORIA – Duett aus NEUSTES! ALLERNEUSTES! (Deutsche Bioscop – DE 1907)

stammen alle aus der musikalischen Feder von Victor Hollaender, der viel für das Berliner Metropol Theater geschrieben hat. Die Lieder sind lustige Gassenhauer, wie es sich gehört eindeutig zweideutig oder zumindest mit einem zwinkernden Auge geschrieben und gelegentlich sogarin Berlinerisch. Während es bei ABENDS NACH NEUNE um die Gefahren für Landeier nach 9 Uhr in der Großstadt Berlin geht, kommen sich bei ROLAND UND VIKTORIA die beiden berühmten Statuen näher. Die Hauptdarsteller Anna Müller-Lincke und Leonhard Haskel gehörten zum Ensemble des Metropol Theaters und brachten so die beliebtesten Stücke aus den Revuen auf die große Leinwand.

Der unterhaltsame und sehr gelungene Abend im Kino 8 ½ (www.kinoachteinhalb.de) wurde mit einem leckeren Buffet mit Selbstgebackenem und verschiedenen Weinen perfekt abgerundet. Wir sind gespannt auf die nächsten Sonder-Vorstellungen in Saarbrücken.

Manuela Lay

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Fotos: Deutsches Filminstitut – DIF

35 Millimeter vor Ort – DER STUMMFILM LEBT! Teil 2

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Filmhaus Saarbrücken – 25.06.2014

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CITY GIRL (USA 1930) Friedrich Wilhelm Murnau

Fußball-WM? Biergartenwetter? Grillen mit Freunden? Nein, für einige Menschen gibt es nichts Schöneres an einem heißen Sommertag als in einem klimatisierten Kinosaal zu sitzen und sich ein Meisterwerk der Stummfilmzeit anzusehen. Es hat sich herumgesprochen – zumindest im Saarland – dass es sich immer lohnt, wenn Michael Jurich in seinen Filmpalast einlädt, um zusammen mit Liebhabern des anspruchsvollen Films und dazu passender Livemusik dem Hochgenuss zu frönen.

In Kooperation mit dem Deutsch-Amerikanischen Institut des Saarlandes wurde CITY GIRL in der Reihe „American Classics“ gezeigt. Es war der vorletzte Film des leider viel zu früh verstorbenen Friedrich Wilhelm Murnau. Michael Jurich hat sich bestens auf diesen Abend vorbereitet und teilte dem aufmerksamen Publikum noch einige wichtige und interessante Details rund um den Film mit: so zum Beispiel, dass der Film dem Studio damals gar nicht in einer stummen Fassung gefiel. 1930 hatte der Tonfilm längst die Vormachtstellung übernommen und Murnau wurde als „ewig Gestriger“ schon fast gezwungen noch eine vertonte Fassung des Films zu drehen, welche jedoch nicht mehr erhalten ist. Ob man darüber nun sonderlich traurig sein soll, stelle ich mal in Frage.

Murnau war der Großmeister der Bildsprache. Er brauchte keinen Ton. Ja nicht einmal Zwischentitel benötigte er, wie er in seinem Meisterwerk DERaaawatch21 LETZTE MANN bewies. Ton, oder, besser gesagt, Töne gab es an diesem Abend dennoch. Wie gewohnt passend eingespielt von Joachim Fontaine am Klavier, der sich bei jeder Vorstellung durch begeisterten Applaus bestätigt fühlen darf.

Kurz etwas zum Inhalt von CITY GIRL: Farmersohn Tom lernt in der Stadt eine hübsche Frau kennen, die vom Landleben träumt. Gegen den Willen seines autoritären Vaters bringt Tom die junge Kellnerin als Ehefrau mit auf die Farm. Doch durch Toms Vater, der die lebensfrohe Schöne wie einen Eindringling behandelt und den begehrlichen Neid der Landarbeiter weckt, entwickelt sich eine immer unerträglicher werdende Atmosphäre: Die Katastrophe geschieht in einer dramatischen Sturmnacht…

Nach KINDERGESICHTER und PICCADILLY ist dies die dritte Vorstellung in dieser Reihe des Saarbrücker Filmhauses. Die Titelauswahl könnte kaum liebevoller sein und wir hoffen, dass die Reihe fortgesetzt wird. Gezeigt wurde   in der restaurierten EUREKA-Fassung aus Großbritannien.

Jörg Mathieu

35 Millimeter vor Ort – Louis de Funès Reihe zum 100. Geburtstag

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Kino 8 ½ Saarbrücken – 30.06.2014

Nein! Doch! Ohhhh!

 

Louis de Funès Reihe zum 100. Geburtstag

Am 31. Juli dieses Jahres wäre Louis de Funès 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass zeigt das Kino Achteinhalb in Saarbrücken ausgewählte Filme des „bekanntesten französischen Schauspielers“. So bezeichnete ihn Gerhard Rouget bei seiner Rede zur Eröffnung der Reihe am Montag, 30. Juni. Rouget ist bei der Volkshochschule Saarbrücken zuständig für den Bereich Film/Medien. Diese unterstützt, genauso wie die Universität des Saarlandes, die Filmfreunde Saar und einige weitere, die Veranstaltungsreihe.

Als ersten Film zeigte das Kino Achteinhalb am Montag DER GENDARM VON SAINT TROPEZ (Le Gendarme de St. Tropez – 1964). In seine18r Einführung zum Film erzählte Kurator und Filmwissenschaftler Nils Daniel Peiler, dass Louis de Funès mit diesem Film „groß rausgekommen“ ist. 1964 war sein Jahr des Durchbruches und brachte neben dem Beginn der Gendarme-Reihe auch den ersten Fantomas-Film hervor.

Beim GENDARM VON SAINT TROPEZ kämpft sich Louis de Funès in seiner typischen Art und Weise als ordnungsliebender Gendarm durch die mondäne Welt von Saint Tropez, in die er erst kürzlich versetzt wurde. Das Kino Achteinhalb zeigte hierbei die französische Version, die gegenüber der deutschen um rund sechs Minuten länger ist. Louis de Funès legt sich im Film mit Nudisten und Kunstdieben an, und stolpert von einer turbulenten Szene in die nächste. Auch 50 Jahre nach seinem Erscheinen weiß der Film noch zu unterhalten – das verhießen zumindest die deutlich positiven Publikumsreaktionen.h-4-1953338-1266824165

Dass der Film immer noch aktuell ist, zeigt sich laut Peiler auch anhand zweier musikalischer Beispiele. „Die Filmmusik ist mitnichten tot und wird immer noch verwendet“, erzählt er, nachdem er zwei moderne Neuumsetzungen angespielt hat: eine Metal-Version von „La Marche des Gendarmes“  von Edguy aus dem Jahr 2001 und einen Remix von „Do You Saint Tropez“ des DJs Quentin Mosimann aus dem Jahr 2013. Louis de Funès, seine Art und seine Filme sind Kult – da ist sich nicht nur Peiler sicher und präsentiert seine Louis-de-Funès-Tasse.

Barbara Scherer

 

DER GENERAL ZIEHT ALLE REGISTER

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Stummfilm mit Livemusik – 22. März 2014 – Conservatoir de Musique Esch sur Alzette, Luxembourg

Um uns selbst ein Bild über die Arbeit unseres Interviewpartners (35MM #2) Wilfried Kaets zu machen, begaben wir uns auf die Reise ins benachbarte Luxemburg. Nicht ganz leicht zu finden, überraschte uns die Lokation nicht nur durch ihre Lage mitten im Zentrum von Esch, sondern auch durch den bemerkenswerten Umstand einer installierten Orgel, die nicht nur wir dort nicht erwartet hatten. Ungewöhnlich für ein Auditorium, erwartet man ein Instrument dieser Kategorie dann doch eher im kirchlichen Umfeld. Wilfried Kaets reiste bereits am Mittag an, um mit den Proben zu beginnen. Auch für ihn war es das erste Mal an dieser Orgel und in diesem Saal. Dass es für ihn und sein Team, bestehend aus Norbert Krämer (Midivibraphon-Schlagwerk) und Joachim Steinigeweg (Technik), dann doch kein Neuland war, erkannte man sehr schnell. So sieht es also aus, so hört es sich also an, wenn man Profis mit jahrelanger Vorführerfahrung und mit viel Liebe zum Detail in einer unglaublichen Symbiose mit einem Stummfilm erleben darf.

Dieses Ereignis wollten sich auch rund 40 andere Zuschauer und -hörer nicht entgehen lassen. Man mag Buster Keatons DER GENERAL (The General – 1926) schon in diversen Fassungen gesehen haben, jedoch bezweifele ich stark, dass dieser Film je so lebhaft und mit so viel Seele vorgeführt wurde. Da saß jeder Ton auf jedem Axthieb. Man konnte den Eindruck gewinnen, man säße in einem Hörspiel-Studio, das in den zwanziger Jahren einen Vertonungsauftrag umsetzen musste. Regen, Sturm, Gewitter, die marschierende Armee, der fahrende Zug, Türenschlagen und eben dieses Holzhacken mit der Axt – besser kann man es kaum machen. Ein absoluter Genuss. Dank der guten Kontakte des Trios konnte eine wirklich sehr gut erhaltene 35-mm-Kopie des Films im Ausland besorgt werden. Da der Projektor weder verschalt noch in einem extra Raum versteckt wurde, war selbst das Laufgeräusch der Maschine authentisch in den Abend integriert.

Die Musik hat Wilfried Kaets eigens für diesen Film und für konzertante Orgel, Midivibraphon und Schlagwerk  geschrieben. Kaets orientiert sich beim Schreiben an der typischen Stummfilmmusik der zwanziger Jahre, komponiert jedoch in großen Teilen neu. Alte Bilder ergänzen sich untrennbar mit neuen Tönen – als hätten diese schon immer so zusammen gehört. Der Erzählstruktur und der Dramaturgie eines Werkes wie DER GENERAL ist diese stimmige Verzahnung absolut zuträglich.

Wer also zukünftig die Gelegenheit nicht versäumen möchte, die Herren bei der Arbeit zu bewundern, sollte sich auf der Homepage www.stummfilm-live.de nach kommenden Terminen umsehen. Im September 2014 wird DER MÜDE TOD (1921) in der Klosterkirche Saarn in Mühlheim an der Ruhr aufgeführt. Wir werden in unserem Facebook-Auftritt aber noch rechtzeitig daran erinnern. Und allen Digital-Nerds möchten wir sagen: WATCH OUT! HERE COMES ANALOG!

Jörg Mathieu

DER STUMMFILM LEBT!

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Der Stummfilm feiert weltweit eine Renaissance, wie sie so wohl niemand voraussagen konnte. Waren es in Deutschland bisher überwiegend Großstädte wie Hamburg und Berlin, die mit fast vergessenem Kulturgut Kinosäle füllen konnten, hat es sich nun auch in Saarbrücken – der Kulturhauptstadt im Südwesten – herumgesprochen, dass hier etwas sehr Beachtenswertes passiert.

Viele Jahre haben sich Kinobetreiber und Liebhaber der stillen Klassiker um Wiederaufführungen bemüht. Und genau so viele Jahre war man froh, wenn dann bei Filmen wie KINDERGESICHTER oder SCHATTEN 2 bis 30 Menschen ins Kino kamen. Filme, die es durchaus verdient hätten nach ca. 100 Jahren ein breiteres Publikum zu bekommen. Der etwas schwächere PICCADILLY – NACHTWELT von 1929 hat aber nun etwas sehr außergewöhnliches vollbracht: Ca. 70 Zuschauer – ausverkauftes Haus – und das bei schönstem Biergartenwetter und notwendigem Sitzfleisch von fast 2,5 Stunden.

So etwas hat man im FILMHAUS SAARBRÜCKEN wohl auch selten erleben dürfen. Endlich der Lohn für das jahrelange Bemühen des Verantwortlichen Michael Jurich. Welche Faktoren dies herbeigeführt haben, lässt sich nur vermuten. Kamen die Leute wegen des Rahmenprogramms, welches aus der Live-Musik-Performance von Joachim Fontaine (Klavier) und Noémi Schröder (Gesang) bestand, oder wegen des Films? Lag es an der Facebook-Werbung, die 35 MILLIMETER noch kurz vor dem Termin geschaltet hat? Hat sich ein Bus voller Senioren einfach verfahren und wollte eigentlich eine Lederjacken-Verkaufsshow besuchen? Fragen über Fragen.

Besonders hervorheben möchte ich hier aber Joachim Fontaine, der erneut in einem konditionellen Kraftakt ungeahnte Steherqualitäten bewiesen hat. Neben den vier – mit sehr viel Charme – dargebotenen Liedern von Noémi Schröder, musste er noch 108 Minuten Film musikalisch begleiten. Da ist es mehr als verständlich und auch zu verzeihen, dass es beim Umblättern der Noten mal zu ein paar länger gezogenen Tönen kam. Aber selbst das passte wunderbar in den gesamten Abend. Auch der Film hatte mit einigen Längen zu kämpfen. Alleine die letzten 30 Minuten retteten den Streifen dann noch leicht über den üblichen Durchschnitt seiner Zeit. Nach einer Stunde hatte ich noch den Gedanken „Nun ja, nettes Zeitdokument“. Als die Stimmung des Filmes aber in die Dramatik eines Krimis inklusive des Spannungsbogens eines Gerichtsthrillers kippte, war ich dann am Ende doch versöhnt.

Noémi Schröder brachte den wohl jüngsten Zuhörer des Abends gleich selbst mit. Wie schön, dass auch die nächste Generation (wenn auch noch ungeboren) an den Stummfilm herangeführt wird. Und obwohl schwanger und erkältet – wobei sie sich nur für zweites entschuldigte – stimmte sie das Publikum auf einen wirklich gelungenen Abend ein. So ungefähr muss es sich also in den „wilden 20ern“ angefühlt haben, wenn der neuste Filmstreifen zum ersten Mal auf einer Leinwand zu sehen war. Überfüllte Säle, Klappstühle, die Letzten sitzen auf dem Boden, der Mann am Klavier haut wie ein Wahnsinniger in die Tasten, die Chanson-Sängerin glänzt im Abendkleid – es fehlten nur die Rauchschwaden, auf die aber alle Anwesenden gut verzichten konnten.

Danke für diesen Abend Herr Jurich. Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Vorstellung von Murnaus CITY GIRL.

PICCADILLY – NACHTWELT lief in seiner von arte restaurierten Fassung, die 2003 zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Die dazu passende DVD gibt es in der arte-Stummfilm Edition von absolut MEDIEN.

Für 35 MILLIMETER
Jörg Mathieu

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