35 Millimeter

35 Millimeter

Das Retro Film Magazin

„ … der mit dem BLOB!“

Nein, keine Angst! Wir machen jetzt nicht auch schon Werbung für Spinat – ganz im Gegenteil, den BLOB sollte man nicht unbedingt seinen Kindern zum Verzehr vorsetzen.

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Am 24.04. bringt das Label  capelight pictures den Titel BLOB – SCHRECKEN OHNE NAMEN als 2-Disc Limited Collector`s Edition im Mediabook erstmals in Deutschland auf Blu-ray.

Diese Edition ist auch für 35 MILLIMETER eine Premiere. Erstmals hat das Magazin – rund um den klassischen Film – Bonusmaterial in Form eines exklusiven 24-seitigen Booklet-Textes beigesteuert. Eine Serviceleistung die wir ab sofort regelmäßig anbieten.

Einen umfangreichen Artikel zu dieser Veröffentlichung – geschrieben von unserem Redakteur Volker Schönenberger (der auch das Booklet verfasst hat) – findet man in Ausgabe #8 unseres Magazins.

35 Millimeter vor Ort – Perlen aus dem Norden Tag 3

20.000 Meilen unter dem Meer

Walt Disney hätte damals kaum besser produzieren können. Man nehme eine der bekanntesten Geschichten eines literarischen Visionärs, eine erstklassige Besetzung mit Kirk Douglas, James Mason und Peter Lorre in den Hauptrollen und die kreativsten Köpfe für Tricktechnik und Studiokulissen. Herausgekommen ist dabei eine der wahrscheinlich schönsten und phantasievollstenVerfilmungen eines Werkes von Jules Verne. Der klassische Stoff bietet im positiven Sinne altmodische Abenteuerunterhaltung, etwas Witz und Humor, aber auch nachdenkliche Töne, gerade in Bezug auf den Charakter des Kapitän Nemo. Die Tricktechnik war für damalige Verhältnissen atemberaubend, gerade der Blick aus der Nautilus heraus in die Tiefsee oder die Unterwasserszenen waren in der Form vorher nie zu sehen. Auch der Höhepunkt, ein Kampf gegen einen riesigen Tintenfisch, wurde mit enormen Aufwand inszeniert. Der Film markierte den Startpunkt für Disney im Spielfilmsegment Fuß zu fassen und vermag auch heutzutage noch die ganze Familie zu unterhalten.

Carsten Henkelmann

20000 Leagues under the sea

Auch an diesem Abend durfte die 35 Millimeter-Redaktion wieder dafür sorgen, dass Besucher als glückliche Gewinner nach Hause gingen und nachdem die Technik den Veranstaltern die letzten Tage ein paarmal die Schweißperlen auf die Stirn getrieben hatte, verlief an diesem Abend die Projektion aller Filme ohne die kleinste Störung. Also Schiff Ahoi und volle Kraft voraus in den ersten Teil des ersten Doppel-Feature-Abends, der unter dem Motto „Schiffe“ stand. Zum Einstieg hatte Thomas Pfeiffer vom Filmarchiv der Kinemathek Hamburg einen sehr schönen polnischen Dokumentarfilm über den Bau eines Schiffes bis zu dessen Stapellauf mitgebracht, außerdem das Making-Of von ERSTER SIEG (In Harm’s Way – 1965) und den Trailer zu KÖNIG DER FREIBEUTER (The Buccaneer – 1958).

Wie immer gab es wieder viel Wissenswertes wie z. B. dass 20.000 Meilen etwa 80.000 Kilometern entsprechen und dass es sich dabei um ein Längen- und nicht um ein Tiefenmaß handelt. Somit beschreibt der Hauptfilm des Abends 20.000 MEILEN UNTER DEM MEER (20,000 Leagues under the Sea – 1954) eine 20.000 Meilen lange Reise unter Wasser und die Disney Studios haben dafür alles aufgefahren, was es 1954 an Stars und Filmtechnik zu bieten gab.

20000-meilen-unter-dem-meer

Das Set der Nautilus ist opulent, die perfekte Mischung aus luxuriöser Dekadenz und futuristischer Technik. Vieles davon kann haben andere Regisseure später in ihren Filmen als Reminiszenz „eingeschmuggelt“. Mein persönlicher Favorit waren die Ausblickstationen in Captain Nemos Unterseebot, die man 1-zu-1 als Kampfstation in Han Solos Millennium Falcon wiederfindet. Die Tricktechnik ist nicht nur für die damalige Zeit erstklassig und der bereits erwähnte Kampf mit dem Riesentintenfisch ein absolutes Highlight. Die Erfahrungen, die die Disney Studios zuvor in ihren Naturdokumentationen gesammelt hatten, wurden in beeindruckender Weise vor allem in den Unterwasseraufnahmen genutzt. Dazu kommen aus dem Off die Erklärungen und Anmerkungen von Professor Aronnax (Paul Lukas) in bester Jacques Cousteau oder Steve Zissou Manier. James Mason spielt seinen Nemo als Mann zwischen Genie und Wahnsinn dem das Schicksal übel mitspielte, während Draufgänger Ned Land (Kirk Douglas) zur Freude der damaligen Damenwelt sich gleich mehrfach seines T‑Shirt entledigen darf. Peter Lorre gibt den treuen, loyalen Assistenten des Professors in seiner unnachahmlichen Art und für die jüngeren Zuschauer darf Nemos Haustier, die Seelöwin Esmeralda, als Running-Gag regelmäßig lustige Tricks vorführen. Ein typischer Disney Film für die ganze Familie, lediglich Schildkröten-Freunde sollten ihn auslassen.

20000 Leagues under the sea Poster

Danach ging es mit Tim Burtons „Ed Wood“ von 1994 weiter, der leider nicht mehr in unser Zeitfenster passt. Wer aber mehr über den angeblich schlechtesten Regisseur der Welt herausfinden will, dem sei dieser Film ans Herz gelegt.

Zu den Kurzfilmen aus dem Vorprogramm:

ERSTER SIEG von Otto Preminger zeigte, dass Making-Ofs keine Neu-Erfindung der Filmindustrie sind, um DVDs mit Bonusmaterial zu füllen, wie Nils Daniel Peiler bemerkte, sondern bereits vor Jahrzehnten dazu genutzt wurden, um das Publikum für einen Film zu interessieren. Und so gab es neben dem obligatorischen hawaiianischen Blumenkranzempfang der Filmcrew auch einen Schach-spielenden John Wayne in den Drehpausen zu bewundern.

Im Trailer zu KÖNIG DER FREIBEUTER erzählte Altmeister Cecil B. DeMille dem Publikum, warum es sich Yul Brynner als Pirat Jean Lafitte unbedingt ansehen sollte. In dieser Art und vor allem in dieser Länge wären Filmtrailer heutzutage gar nicht mehr finanzierbar.

Am eindrucksvollsten war jedoch der knapp 10-minütige Dokumentarfilm aus Polen (auch der Festival-Favorit des Chefredakteurs). In kinematografisch wunderschön eingefangen schwarzweiß Bildern begleitete der Film die Werftarbeiter beim Schweißen im Funkenregen oder als Vorschlaghammer-schwingende Schatten. Aber es waren die Gesichter der Arbeiter in Nahaufnahmen, die in Erinnerung bleiben. Erschöpft und müde während der Zigarettenpausen, nervös und angespannt beim Stapellauf und dann die Freude und auch der Stolz, als das Schiff, ihre harte Arbeit der letzten Wochen, zur seiner Jungfernfahrt antritt.

Manuela Lay

35 Millimeter vor Ort – Perlen aus dem Norden Tag 2

INFAM (The Children’s Hour – 1961)

Karen Wright (Audrey Hepburn) und Martha Dobie (Shirley MacLaine) leiten ein Mädcheninternat. Als sie eine ihrer Schülerinnen, die verwöhnte und intrigante Mary, für ein Fehlverhalten bestrafen, rächt diese sich durch eine infame Lüge. Marys Behauptung, Karen und Martha seien mehr als nur gute Freundinnen, zieht immer größere Kreise, wird zum Skandal und löst letztendlich eine Kettenreaktion aus, die niemand mehr aufhalten kann.

Infam

Hepburn und MacLaine brillieren in ihren Rollen, die so untypisch für beide sind. Für Regisseur William Wyler war INFAM bereits die zweite Film-Adaption von Lillian Hellmans Theaterstück „The Children’s Hour“ von 1934. Für die erste Adaption, INFAME LÜGEN (These Three – 1936), schrieb Hellman sogar das Drehbuch. Doch zu dieser Zeit entschied der „Hays Code“, welche Themen man in Hollywood verfilmen durfte. Homosexualität – auch nur angedeutet – zählte nicht dazu. Aufgrund des Bekanntheitsgrades des Theaterstückes musste der Filmtitel geändert werden und das Skript wurde auf Drängen des Studios (MGM) gar so oft geändert, dass Wyler später behauptete, INFAM sei das erste und wahre Drehbuch.

Manuela Lay

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Alles nur eine Lüge

„Das war unglaublich intensiv, richtig toll!“, bemerkt eine Besucherin beim Verlassen des Kinosaals nach der Vorführung von IMFAM (The Children’s Hour – 1961) von William Wyler. Mit dieser Meinung ist sie nicht alleine: „Besonders Shirley MacLaine war ganz stark …“, lobt ihr Begleiter, „… aber die ist sowieso eine intensive Schauspielerin.“

Und so passte INFAM hervorragend als Hauptfilm für den gestrigen Themenabend „Drama am Donnerstag“ beim Filmfestival Perlen aus dem Norden – ergänzt von drei Public Service Announcements aus dem Archiv der Hamburger Kinemathek. Das Besondere an diesen ist die Besetzung, denn hier stehen Shirley MacLaine, John Wayne und Myrna Loy vor der Kamera und sprechen sich für soziale Zwecke aus. Als „ganz großes Starkino“ kündigte Organisator Nils Daniel Peiler auch den Hauptfilm an – zu Recht, denn neben Shirley MacLaine agieren Audrey Hepburn, James Garner und einige weitere bekannte Gesichter.

Trotzdem hatte es der Film bei seiner Veröffentlichung nicht leicht, erinnert Peiler an frühere deutsche Kritiken: „Der Film wurde heftig angefeindet, mit einer Mischung aus Abscheu, Verwunderung und Fassungslosigkeit.“ Kein Wunder, denn Homosexualität war Anfang der 60er Jahre noch ein Tabuthema. Schlimmer erging es der Erstverfilmung des Stoffes, die Wyler selbst bereits in den 30er Jahren umsetzte: Der Hays Code erzwang ein „heterosexuelles Dreieck“, wie Peiler berichtet.

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Thomas Pfeiffer und Nils Daniel Peiler Foto: Barbara Scherer

 

Leider stand auch der vierte Abend technisch nicht unter dem allerbesten Stern. Nach dem Abbruch am Mittwoch ging ein vernehmbares Raunen durch die Menge, als nach einer kurzen Schwarzunterbrechung der Film deutlich gestört und ohne Ton weiterlief. Diese „verdrehte“ Rolle – übrigens handelt es sich bei den gezeigten Rollen um eine Erstaufführungskopie, wie Thomas Pfeiffer von der Hamburger Kinemathek bemerkte, – konnte jedoch schnell behoben werden. Und so durchbrachen lediglich zwei kleine Pausen einen ansonsten gelungenen Abend.

Barbara Scherer

35 Millimeter vor Ort – Perlen aus dem Norden Tag 1

 

35 Perlen

Am 04.03. ging auch für 35 Millimeter das PERLEN AUS DEM NORDEN-Festival so richtig los.

Unser Redakteur Simon Kyprianou war für euch vor Ort – hier sein Bericht zum gestrigen Film DIE RECHNUNG GING NICHT AUF.

 

DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (The Killing – 1956) ist ein Film über Hoffnungen, Ängste und Sorgen. Ein Film über verzweifelte Menschen, die ihren Träumen hinterherjagen, die mit dem fatalistischen Mut der Verzweiflung das Schicksal herausfordern. Am Ende findet Kubrick dann ein kraftstrotzendes Bild, wenn all die Träume und Hoffnungen vom Wind davon geweht werden und in der dunklen Nacht verschwinden. DIE RECHNUNG GING NICHT AUF ist dabei aber auch ein empathischer, urteilsfreier Blick auf ein Mosaik der Menschlichkeit. Kubrick gibt uns fragmentarische Einblicke in die verschiedenen Leben der Protagonisten, in ihre Probleme und Sorgen. Zweifellos Kubricks menschlichster Film – vielleicht zusammen mit EYES WIDE SHUT (1999) –, dessen sonstiges Werk ja von einer erdrückenden Gefühlskälte durchzogen ist. Die Geschichte ist sehr simpel, ein paar verzweifelte Männer (u.a. Sterling Holden, Elisha Cook jr.) mit einer Ausnahme keineswegs Berufsverbrecher, sondern Menschen aus allen möglichen Schichten, wollen eine Pferderennbahn überfallen. Was in DIE RECHNUNG GING NICHT AUF bereits hervorsticht, ist Kubricks präzise Art der Narration und Inszenierung, die in Kubrick-Texten oft mit dem nerv tötenden Schachbrett-Vergleich beschrieben wird. Keineswegs geht der Regisseur hier mit seinen Figuren so unemotional und distanziert um wie mit Schachfiguren, eher das Gegenteil trifft zu. Betroffen und beinahe schon liebevoll blickt er auf ihre Verlorenheit.

The Killing Poster

Dennoch ist es ein präziser Film. Hier entfaltet sich diese Präzision durch die Voice-Over-Erzählung, die immer wieder die genaue Uhrzeit angibt, und durch die klug verschachtelte und doch äußerst dynamische Erzählung. DIE RECHNUNG GING NICHT AUF ist natürlich auch ein sehr einflussreicher Film, nicht nur für Quentin Tarantino, sondern wohl auch für Jean-Pierre Melvilles ähnlich gelagerten VIER IM ROTEN KREIS (Le cercle rouge – 1970).

In Saarbrücken steht Kubrick Kopf

Wie von den ersten beiden Festival-Tagen gewohnt, füllte sich auch am Mittwoch Abend der Kinosaal schnell, kein Wunder, ist Stanley Kubricks DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (The Killing – 1956) schließlich eines der Highlights des Festivals. Vor dem Film lief wie üblich ein liebevoll und thematisch passend zusammengestelltes Vorprogramm, ganz im Zeichen des Sports, angelehnt an die Pferderenn-Thematik in Kubricks Film. Es gab einen sportlichen Jahres-Zusammenschnitt einer alten Wochenschau zu entdecken und außergewöhnliche Filmtrailer, unter anderem den wundervollen Trailer zu Otto Premingers ANATOMIE EINES MORDES (Anatomy of a Murder – 1959).

The Killing

Diese Schmankerl ließen den Appetit auf den eifrig erwarteten Hauptfilm nur wachsen, der nach dem obligatorischen einleitenden Vortrag von Nils Daniel Peiler dann auch anlief. Nach den ersten 15 Minuten allerdings standen Kubricks Bilder plötzlich Kopf, und es war leider kein avantgardistischer Schelmenstreich des jungen Kubrick, sondern wie sich herausstellte eine fehlerhafte Rolle. Nach intensiven Bemühungen die Vorstellung noch zu retten musste man leider aufgeben, niemand kam in den Genuss von Kubrick meisterlicher Chronik des Scheiterns. Eine Enttäuschung, eine die sicher vermeidbar gewesen wäre, da hilft auch der gute Wille der Veranstalter nichts, die aber vielmals um Verzeihung baten und Freikarten zur Entschädigung verteilten.

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Man kann nur hoffen, dass die restlichen Festivaltage wieder so vergnüglich und wunderbar sein werden, wie die ersten Beiden.

Simon Kyprianou