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Das Retro Film Magazin

Nachruf Ken Adam – Ken-Adam-Archiv nun online einsehbar

20. März 2016 | Comment

Der titelgebende DR. NO (1962) versteckt sich auf einer Insel in Jamaika mit eigenem Unterwasseraquarium, von wo aus er seine zerstörerischen Pläne ausführt. Hugo Drax (Michael Lonsdale) will in MOONRAKER (1979) von einer Raumstation aus seine neue Weltordnung schaffen. Die JAMES BOND-Reihe hat seit dem ersten Film des bekanntesten Agenten aus Großbritannien seine Zuschauer stets mit den ausgefallensten Verstecken für seine Bösewichte in ihren Bann gezogen und begeistert.

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© Deutsche Kinemathek – Ken Adam Archiv

Die Konstrukteure solcher „Phantasie-Architekturen“  hingegen sind oft unbekannt und werden in der Rezeption übersehen. Ken Adam, Filmarchitekt von sieben JAMES BOND-Filmen, bildet eine seltene Ausnahme, da sein Werk dem Zuschauer durch Publikationen  und Ausstellungen  bereits näher gebracht wurde. Vergangene Woche musste die Filmwelt jedoch von einem ganz Großen Abschied nehmen.

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© Deutsche Kinemathek – Ken Adam Archiv

Die visuelle Ausgestaltung der Verstecke der Bösewichte war in den JAMES-BOND-Filmen mit Ken Adam als leitenden Filmarchitekten mindestens so wichtig, wie die Erzählung. Ken Adam sprach, wenn er auf seine Auffassung von Filmsets angesprochen wurde, von „heightened reality“ oder „stylisation“.  Den ikonischsten Beitrag hierzu lieferte Ken Adam wahrscheinlich abseits seiner JAMES BOND-Bauten mit dem sogenannten War Room für Stanley Kubricks Antikriegsfilm DR. SELTSAM, ODER WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN (Dr. Strangelove – 1964). Marc Bonner skizziert hierbei sehr genau, wie Adam die Vorlage, Frank Lloyd Wrights Architektur der 1937 erbauten Gebäudegruppe Taliesin West, als Inspiration nutzt, aber die Bauform ‚überdehnt‘ und aus ihr eine, auch für die JAMES BOND-Filme typische, asymmetrische Pultdachkonstruktion formt und dem Ganzen „megalomane Weltkarten“  hinzufügt.  Auf diese Weise schafft er eine Doppelfunktion aus der rein räumlichen Darstellung und einer handlungstragenden Rolle der Architektur.  Der War Room übernimmt die Rolle eines Zeichens für die ratlosen Figuren, die in ihm um den großen, runden Tisch agieren, als wäre Krieg ein großes Pokerturnier. Eine derartige zeichenhafte Lesbarkeit, so Petra Kissling-Koch, mache dem Betrachter auf Anhieb die ‚Spielebene‘ des Films deutlich.  Für die BOND-Filme kehrte Adam oft zu den in DR. SELTSAM implizierten Figurencharakterisierungen durch die Raumgestaltung zurück.

 

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© Deutsche Kinemathek – Ken Adam Archiv

Sir Ken Adam (1921-2016) hat seinen festen Platz in der Filmgeschichte als einer der bedeutendsten Production Designer des 20. Jahrhunderts zweifellos verdient. Bereits 2012 hat er sein umfangreiches künstlerisches Werk der Deutschen Kinemathek anvertraut. Dieses besteht aus mehr als 6.000 grafischen Entwürfen, zahlreichen Fotos, Briefen und Auszeichnungen – wie seinen beiden Oscars – sowie Rechercheunterlagen zu einzelnen Filmproduktionen. Im nun zugänglichen Online-Archiv wird der Entstehungsprozess seiner Bauten von den ersten Skizzen bis zum fertigen Set einsehbar. Mit Hilfe von Essays, Gesprächen und Galerien kann man sich weiter mit dem Menschen hinter den bekannten Bauten beschäftigen und auf Spurensuche nach Adams Einflüssen und Wirkungen auf die internationale Filmarchitektur gehen.

Manuel Föhl

Quelle: https://ken-adam-archiv.de/

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