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Das Retro Film Magazin

FESTIVALREPORT: Il Cinema Ritrovato – Das italienische Filmfestival für den klassischen Film in Bologna – Tag 3

6. Juli 2015 | Comment

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Wie immer, wenn es um Film geht, überwiegt auch in Bologna der abendfüllende Spielfilm. Doch abseits der McCareys und Bergmans bietet das „Il Cinema Ritrovato 2015“ auch die Gelegenheit, ganz andere Formen von Film zu entdecken. Aufnahmen aus der Geburtsstunde des Kinos, frühe Aktualitätenfilme, Kriegsberichterstattung aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ebenso wie frühe Trickfilme, abgefilmte Vaudeville-Nummern und zahllose kurze Slapstick-Komödien.

Aus der Masse der dokumentarischen Arbeiten sticht vor allem ein Film heraus: German Concentration Camps Actual Survey (1945/2014) wurde vom Imperial War Museum restauriert und vollendet, denn bis dato war der Film nicht in seiner vollständigen Form verfügbar. Er war ursprünglich von den Alliierten als Beweismaterial für die Nürnberger Prozesse konzipiert, aber entpuppt sich als eindrucksvolles Zeugnis für die Macht des kinematografischen Bildes. Grauenvolle Aufnahmen von alliierten Kameramännern bei der Befreiung der Lager und eine kluge Montage ergeben ein mächtiges, emotional mitreißendes Werk, das selbst ohne unmittelbare Kontextualisierung durch seine pure visuelle Energie zum Nachdenken anregt.

Dass Geschichte auch anders filmisch aufgearbeitet werden kann, beweist Sosialismi (2014) von Peter von Bagh. Der Finne von Bagh, der vergangenen Herbst verstorben ist, war lange Jahre künstlerischer Leiter des Festivals und nebenher auch als Buchautor und Filmemacher tätig. In seinem letzten Essayfilm widmete er sich der Geschichte des Sozialismus auf sehr eindrucksvolle Weise. Die ersten Bilder dieses Films stammen aus Die Arbeiter verlassen die Lumière-Werke (1895 – La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon) der Gebrüder Lumière. Dieses Sujets hat sich schon Harun Farocki in Arbeiter verlassen die Fabrik (1995) bedient, doch von Bagh hat etwas anderes vor als politisch-didaktische Aufklärung. Er erzählt eine Geschichte des Sozialismus in (fiktiven) Filmausschnitten. So setzt zum Beispiel die Narration des Films im Jahr 1871 mit Bildern der Pariser Kommune ein, die von Bagh dem sowjetischen Film Das neue Babylon (1929 – Новый Вавилон) entleiht. Dieses Material kombiniert er mit Textstellen linker Theoretiker und Intellektueller sowie einigen eigenen Aufnahmen – ein Streifzug durch Geschichte und Filmgeschichte, der unzählige Verbindungslinien sichtbar macht.

DAD NEUE BABYLON

 

Zu Ende ging das Festival für mich allerdings wieder mit einem Spielfilm. Nach dem verregneten Auftakt verschlug es mich an meinem letzen Abend noch einmal auf die Piazza Maggiore zu Luchino Viscontis Rocco und seine Brüder (1960 – Rocco e i suoi fratelli), dessen visuelle Pracht auf einer gigantischen Leinwand wie dieser erst so richtig zur Geltung kommt. Nun bereue ich meine vorzeitige Abreise noch mehr, denn am Tag darauf soll 2001: Odyssee im Weltraum (1968 – 2001: A Space Odyssee) auf 70mm gezeigt werden – der einzige Film, der nicht in digitaler Form auf der Piazza gezeigt wird.

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Rocco und seine Brüder

Rainer Kienböck

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