35 Millimeter

35 Millimeter

Das Retro Film Magazin

DER GENERAL ZIEHT ALLE REGISTER

the general buster keaton

Stummfilm mit Livemusik – 22. März 2014 – Conservatoir de Musique Esch sur Alzette, Luxembourg

Um uns selbst ein Bild über die Arbeit unseres Interviewpartners (35MM #2) Wilfried Kaets zu machen, begaben wir uns auf die Reise ins benachbarte Luxemburg. Nicht ganz leicht zu finden, überraschte uns die Lokation nicht nur durch ihre Lage mitten im Zentrum von Esch, sondern auch durch den bemerkenswerten Umstand einer installierten Orgel, die nicht nur wir dort nicht erwartet hatten. Ungewöhnlich für ein Auditorium, erwartet man ein Instrument dieser Kategorie dann doch eher im kirchlichen Umfeld. Wilfried Kaets reiste bereits am Mittag an, um mit den Proben zu beginnen. Auch für ihn war es das erste Mal an dieser Orgel und in diesem Saal. Dass es für ihn und sein Team, bestehend aus Norbert Krämer (Midivibraphon-Schlagwerk) und Joachim Steinigeweg (Technik), dann doch kein Neuland war, erkannte man sehr schnell. So sieht es also aus, so hört es sich also an, wenn man Profis mit jahrelanger Vorführerfahrung und mit viel Liebe zum Detail in einer unglaublichen Symbiose mit einem Stummfilm erleben darf.

Dieses Ereignis wollten sich auch rund 40 andere Zuschauer und -hörer nicht entgehen lassen. Man mag Buster Keatons DER GENERAL (The General – 1926) schon in diversen Fassungen gesehen haben, jedoch bezweifele ich stark, dass dieser Film je so lebhaft und mit so viel Seele vorgeführt wurde. Da saß jeder Ton auf jedem Axthieb. Man konnte den Eindruck gewinnen, man säße in einem Hörspiel-Studio, das in den zwanziger Jahren einen Vertonungsauftrag umsetzen musste. Regen, Sturm, Gewitter, die marschierende Armee, der fahrende Zug, Türenschlagen und eben dieses Holzhacken mit der Axt – besser kann man es kaum machen. Ein absoluter Genuss. Dank der guten Kontakte des Trios konnte eine wirklich sehr gut erhaltene 35-mm-Kopie des Films im Ausland besorgt werden. Da der Projektor weder verschalt noch in einem extra Raum versteckt wurde, war selbst das Laufgeräusch der Maschine authentisch in den Abend integriert.

Die Musik hat Wilfried Kaets eigens für diesen Film und für konzertante Orgel, Midivibraphon und Schlagwerk  geschrieben. Kaets orientiert sich beim Schreiben an der typischen Stummfilmmusik der zwanziger Jahre, komponiert jedoch in großen Teilen neu. Alte Bilder ergänzen sich untrennbar mit neuen Tönen – als hätten diese schon immer so zusammen gehört. Der Erzählstruktur und der Dramaturgie eines Werkes wie DER GENERAL ist diese stimmige Verzahnung absolut zuträglich.

Wer also zukünftig die Gelegenheit nicht versäumen möchte, die Herren bei der Arbeit zu bewundern, sollte sich auf der Homepage www.stummfilm-live.de nach kommenden Terminen umsehen. Im September 2014 wird DER MÜDE TOD (1921) in der Klosterkirche Saarn in Mühlheim an der Ruhr aufgeführt. Wir werden in unserem Facebook-Auftritt aber noch rechtzeitig daran erinnern. Und allen Digital-Nerds möchten wir sagen: WATCH OUT! HERE COMES ANALOG!

Jörg Mathieu

Das 35 Millimeter Zeitfenster

Warum 1895-1965?

Die Frage nach dem zeitlichen Korsett, in welches wir uns freiwillig begeben, beschäftigte die Redaktion schon im Vorfeld der ersten Ausgabe. Für das Magazin 35 Millimeter ist die Antwort recht einfach. Am einfachsten wäre es zu sagen – weil es sonst niemand macht – aber wir haben uns natürlich etwas dabei gedacht.

Die ersten 70 Jahre Filmgeschichte werden zu Unrecht vernachlässigt, ja geradezu stiefmütterlich ­abgetan als „die gute alte Zeit“. Viele Zelluloid-Schätze und Kino-Perlen geraten in Vergessenheit.

35 Millimeter will gegen dieses Vergessen angehen. Auch wenn es bereits vor 1895 die ersten Gehversuche mit dem neu endeckten Medium Film gab, gilt offiziell das Jahr 1895 als die Geburtsstunde des be­wegten Bildes. 1928/29 konnte die Leinwand dann schon „reden“. Einen ähnlichen Umbruch gab es dann 1965/66. Zum einen konnte in den 60er Jahren niemand mehr den Niedergang des „Golden Age of Hollywood“ vermeiden, und zum anderen war die europäische „Nouvelle Vague“ nicht mehr aufzu­halten. Der Film wurde frei und unabhängig. Mitte der 60er Jahre war dieser Prozess nahezu abgeschlossen. Dass moderne Kino war geboren.

Wir teilen unsere Berichterstattung in sechs Dekaden auf, wobei wir in jeder Ausgabe versuchen werden, mit mindestens einem „Spezial“ aus allen sechs Dekaden eine gute Mischung bereit zu halten.

DER STUMMFILM LEBT!

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Der Stummfilm feiert weltweit eine Renaissance, wie sie so wohl niemand voraussagen konnte. Waren es in Deutschland bisher überwiegend Großstädte wie Hamburg und Berlin, die mit fast vergessenem Kulturgut Kinosäle füllen konnten, hat es sich nun auch in Saarbrücken – der Kulturhauptstadt im Südwesten – herumgesprochen, dass hier etwas sehr Beachtenswertes passiert.

Viele Jahre haben sich Kinobetreiber und Liebhaber der stillen Klassiker um Wiederaufführungen bemüht. Und genau so viele Jahre war man froh, wenn dann bei Filmen wie KINDERGESICHTER oder SCHATTEN 2 bis 30 Menschen ins Kino kamen. Filme, die es durchaus verdient hätten nach ca. 100 Jahren ein breiteres Publikum zu bekommen. Der etwas schwächere PICCADILLY – NACHTWELT von 1929 hat aber nun etwas sehr außergewöhnliches vollbracht: Ca. 70 Zuschauer – ausverkauftes Haus – und das bei schönstem Biergartenwetter und notwendigem Sitzfleisch von fast 2,5 Stunden.

So etwas hat man im FILMHAUS SAARBRÜCKEN wohl auch selten erleben dürfen. Endlich der Lohn für das jahrelange Bemühen des Verantwortlichen Michael Jurich. Welche Faktoren dies herbeigeführt haben, lässt sich nur vermuten. Kamen die Leute wegen des Rahmenprogramms, welches aus der Live-Musik-Performance von Joachim Fontaine (Klavier) und Noémi Schröder (Gesang) bestand, oder wegen des Films? Lag es an der Facebook-Werbung, die 35 MILLIMETER noch kurz vor dem Termin geschaltet hat? Hat sich ein Bus voller Senioren einfach verfahren und wollte eigentlich eine Lederjacken-Verkaufsshow besuchen? Fragen über Fragen.

Besonders hervorheben möchte ich hier aber Joachim Fontaine, der erneut in einem konditionellen Kraftakt ungeahnte Steherqualitäten bewiesen hat. Neben den vier – mit sehr viel Charme – dargebotenen Liedern von Noémi Schröder, musste er noch 108 Minuten Film musikalisch begleiten. Da ist es mehr als verständlich und auch zu verzeihen, dass es beim Umblättern der Noten mal zu ein paar länger gezogenen Tönen kam. Aber selbst das passte wunderbar in den gesamten Abend. Auch der Film hatte mit einigen Längen zu kämpfen. Alleine die letzten 30 Minuten retteten den Streifen dann noch leicht über den üblichen Durchschnitt seiner Zeit. Nach einer Stunde hatte ich noch den Gedanken „Nun ja, nettes Zeitdokument“. Als die Stimmung des Filmes aber in die Dramatik eines Krimis inklusive des Spannungsbogens eines Gerichtsthrillers kippte, war ich dann am Ende doch versöhnt.

Noémi Schröder brachte den wohl jüngsten Zuhörer des Abends gleich selbst mit. Wie schön, dass auch die nächste Generation (wenn auch noch ungeboren) an den Stummfilm herangeführt wird. Und obwohl schwanger und erkältet – wobei sie sich nur für zweites entschuldigte – stimmte sie das Publikum auf einen wirklich gelungenen Abend ein. So ungefähr muss es sich also in den „wilden 20ern“ angefühlt haben, wenn der neuste Filmstreifen zum ersten Mal auf einer Leinwand zu sehen war. Überfüllte Säle, Klappstühle, die Letzten sitzen auf dem Boden, der Mann am Klavier haut wie ein Wahnsinniger in die Tasten, die Chanson-Sängerin glänzt im Abendkleid – es fehlten nur die Rauchschwaden, auf die aber alle Anwesenden gut verzichten konnten.

Danke für diesen Abend Herr Jurich. Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Vorstellung von Murnaus CITY GIRL.

PICCADILLY – NACHTWELT lief in seiner von arte restaurierten Fassung, die 2003 zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Die dazu passende DVD gibt es in der arte-Stummfilm Edition von absolut MEDIEN.

Für 35 MILLIMETER
Jörg Mathieu